Grenzüberschreitende Blicke:
Wahrnehmungen ›bewegender Körper‹

Andre­as Nie­haus und Uta Schaf­fers

»Zumin­dest kön­nen wir sagen, dass eine pro­no­mi­na­le Hal­tung ent­schei­dend dafür ist,
was vor uns erscheint – das Ding, wel­ches wir sehen« (Hust­ve­dt 2009, 241).

Abb. 1: Anet­te Busch in Japan (1920)1

 

1. Körper starker Frauen: Konfrontationen und Transgressionen

Am Anfang unse­rer Betrach­tun­gen soll die­se Pho­to­gra­phie ste­hen (Abb. 1). Sie zeigt die est­ni­sche Rin­ge­rin und ›Star­ke Frau‹ Anet­te Busch (links; 1882–1969)2 sowie wei­te­re, unbe­kann­te Per­so­nen. Als Pho­to­gra­phie hat sie einen hohen Prä­senz­ef­fekt und wirkt so grenz­über­win­dend, da sie eine Ver­gan­gen­heit in die Gegen­wart holt und uns vor Augen stellt – »von nun an ist die Ver­gan­gen­heit so gewiß wie die Gegen­wart, ist das, was man auf dem Papier sieht, so gewiß wie das, was man berührt« (Bar­t­hes 1985, 97). Als Zeit­raum der Auf­nah­me wird das Jahr 1920 ange­ge­ben, als Ort Japan. Der Blick des/der heu­ti­gen Betrach­te­rIn fällt auf eine Sze­ne, in der die ein­ge­fro­re­nen Kör­per im Bild­vor­der­grund eine kurz bevor­ste­hen­de, explo­si­ve Kon­fron­ta­ti­on anzei­gen – ihre spe­zi­fi­sche Hal­tung sowie die Anwe­sen­heit eines Kampf­rich­ters in sei­ner mar­kan­ten Beklei­dung und Posi­ti­on ver­wei­sen zunächst recht ein­deu­tig auf einen Kampf nach den Regeln des japa­ni­schen Sumo. Bei nähe­rem Hin­se­hen mischen sich jedoch für heu­ti­ge Betrach­te­rIn­nen auch Irri­ta­tio­nen in die­sen ers­ten Ein­druck. Sumo, bekannt aus den Medi­en oder auch durch den Besuch eines Tur­niers, wird gemein­hin wahr­ge­nom­men als ein Sport, der von Män­nern aus­ge­übt wird – auf der Pho­to­gra­phie steht jedoch ein Kampf zwei­er Frau­en bevor. Auch wei­te­re Attri­bu­te schei­nen nicht recht zu ›pas­sen‹: Die Fri­sur Anet­te Buschs, die nicht den zu erwar­ten­den Haar­kno­ten auf­weist, und ihre deut­lich nicht-japa­ni­sche Her­kunft mar­kie­ren Abwei­chun­gen. Wei­ter­hin bede­cken bei­de Frau­en gro­ße Tei­le ihrer Kör­per (Anet­te Busch trägt sogar Schu­he, Hose und Hemd), wäh­rend männ­li­che Sum­okämp­fer bis heu­te nur mit einem Rin­ger­schurz (mawa­shi) beklei­det sind; auch der Ort des Kamp­fes ist eher unge­wöhn­lich. Drei wei­te­re Per­so­nen – in der obe­ren Hälf­te des Bil­des, etwas im Hin­ter­grund und die Kämp­fe­rin­nen gewis­ser­ma­ßen über­schau­end – bevöl­kern die Pho­to­gra­phie: Rechts befin­det sich ein Japa­ner in tra­di­tio­nel­ler Klei­dung, links hin­ter Annet­te Busch ein Mann (ein Euro­pä­er oder Ame­ri­ka­ner) in for­mel­ler west­li­cher Klei­dung. Dazwi­schen steht der an sei­ner Klei­dung, sei­ner Kör­per­hal­tung und wei­te­ren Attri­bu­ten (z.B. Fächer) erkenn­ba­re Kampf­rich­ter (gyōji), der das ent­schei­den­de Signal zum Beginn des Kamp­fes andeu­tet.

Die auf­ge­nom­me­ne Sze­ne irri­tiert in mehr­fa­cher Hin­sicht spe­zi­fi­sche Wahr­neh­mungs­mus­ter und unter­liegt als Bild einer eigen­tüm­li­chen Raum- und Blick­ord­nung: Es insze­niert in sei­nem Auf­bau kul­tu­rel­le, natio­na­le und epo­cha­le sowie gen­der­spe­zi­fi­sche Gren­zen und gleich­zei­tig deren (auch kurz bevor­ste­hen­de) Über­schrei­tun­gen. Eine Grenz­li­nie zieht sich ver­ti­kal durch das Bild und teilt es in einen west­li­chen (links) und einen japa­ni­schen (rechts) Raum sowie – zunächst – in Moder­ne und Vor­mo­der­ne, reprä­sen­tiert durch die Per­so­nen, ihre Klei­dung und ihre Attri­bu­te. Die Blick­ord­nung der Per­so­nen auf der Pho­to­gra­phie bestä­tigt die­se Linie, durch­kreuzt sie aber auch. Im Bild­vor­der­grund fixie­ren sich die Rin­ge­rin­nen in der von den Regeln des Sports gefor­der­ten Pose und Wei­se, links Wes­ten, rechts Osten. Im Bild­hin­ter­grund ste­hen die Män­ner, auf­recht. Der Japa­ner rechts scheint die gesam­te Sze­ne zu betrach­ten, sei­ne Rol­le ist undeut­lich; der Kampf­rich­ter blickt zwi­schen die Rin­ge­rin­nen. Er mar­kiert mit sei­nem Kör­per die Ach­se. Der Mann im lin­ken Bild­hin­ter­grund wie­der­um blickt in sei­ne geöff­ne­te Hand. Hier sei eine Spe­ku­la­ti­on erlaubt: Viel­leicht betrach­tet er ein Geld­stück, viel­leicht ein Insekt. Die gesam­te Sze­ne evo­ziert jedoch den Gedan­ken, dass es sich hier­bei um eine Uhr han­delt. Auch wenn die Pho­to­gra­phie das Tran­si­to­ri­sche der Zeit negiert und den Moment fest­zu­hal­ten scheint – »Die Pho­to­gra­phie bie­tet ein Raum­kon­ti­nu­um dar; der His­to­ris­mus möch­te das Zeit­kon­ti­nu­um erfül­len« (Kra­cau­er 1990 [1927], 3) –, so gehö­ren doch die prä­gen­de Erfah­rung von Flüch­tig­keit und Beschleu­ni­gung sowie die objek­ti­vie­ren­de Zeit­mes­sung zum Signum der Moder­ne,3 was auch fol­gen­rei­che Aus­wir­kun­gen auf die Kon­zep­ti­on des moder­nen Sports hat­te. So schreibt etwa Wal­ter Ben­ja­min im Jahr 1935/6:

Grund­la­ge des Sports bil­det ein Sys­tem von Vor­schrif­ten, das mensch­li­che Ver­hal­tens­wei­sen in letz­ter Instanz der Mes­sung durch die ele­men­ta­ren phy­si­ka­li­schen Maß­stä­be zuführt: der Mes­sung nach Sekun­den und Zen­ti­me­tern […]. Die alte ago­na­le Form ver­schwin­det zuse­hends aus der moder­nen Sport­übung […]. Damit ist der zeit­ge­mä­ße Stand­ort der Sport­übung fest­ge­stellt. Er löst sich vom ago­na­len [sic!] ab, um die Rich­tung des Tests ein­zu­schla­gen. Dem Test in sei­ner moder­nen Gestalt ist nichts geläu­fi­ger, als den Men­schen an einer Appa­ra­tur zu mes­sen. (Ben­ja­min 1974 [1935/6], 1039)

Der Gedan­ke, dass der Blick des Man­nes sich auf eine Uhr rich­tet, ist vor die­sem Hin­ter­grund zumin­dest nicht ganz abwe­gig und mar­kiert eine – in der Ent­wick­lung des moder­nen Sports in Japan zur Zeit der Auf­nah­me bereits über­schrit­te­ne – Gren­ze zwi­schen der vor­mo­der­nen Form der Aus­übung des Sumo und einer Moder­ni­sie­rung und Spor­ti­fi­zie­rung auch tra­di­tio­nel­ler Kampf­küns­te (bug­ei).4 Im kul­tur­his­to­ri­schen Kon­text betrach­tet, ver­weist bereits die Klei­dung der Kämp­fe­rin­nen (auf dem Bild die der japa­ni­schen Kämp­fe­rin) auf einen Schritt hin zur Spor­ti­fi­zie­rung und mit­hin zu einer modi­fi­zier­ten Form der Wahr­neh­mung von Frau­en, die die­sen ›Sport‹ aus­üb­ten: Frau­en-Sumo (onna-zumō) wur­de in der Früh­mo­der­ne5 in Japan auch als ero­ti­sches Spek­ta­kel (mise­mo­no) mit spär­lich beklei­de­ten Kämp­fe­rin­nen und Per­for­me­rin­nen auf­ge­führt, die auch gegen (oft blin­de) Män­ner antra­ten und mit­un­ter wenig ver­hül­len­de Kampf­na­men wie Gro­ße Brüs­te (Chi­chi­ga­ha­ri), Bezwin­ge­rin der Bäl­le (Tama­no­ko­shi) oder Tie­fes Loch (Ana­ga­fu­chi) tru­gen.6 In den 1920er Jah­ren, also zum Zeit­punkt, in dem die Pho­to­gra­phie ent­stand, hat­te sich dann das Tra­gen eines Tri­kots mit knie­lan­gen Boxer­shorts7 bereits ein­ge­bür­gert. Die Kämp­fe­rin­nen tru­gen einen ichōkae­shi (Gink­go­blatt) genann­ten Frau­en-Zopf (onna­ma­ge), der sich am Zopf der männ­li­chen Kol­le­gen (ōichōmage) anlehn­te. Anders als ihre männ­li­chen Kol­le­gen tru­gen die Frau­en vor ihren Kämp­fen aber Rouge (kōfun) auf (vgl. Ikkai 2013, 48f.). In der Moder­ne wur­den die in Tem­peln sowie in Ver­gnü­gungs­vier­teln und Bor­del­len aus­ge­tra­ge­nen Kämp­fe zuneh­mend aus dem Kon­text der ero­ti­schen Geschäfts­an­bah­nung her­aus­ge­löst, und Kämp­fe von Frau­en gegen Män­ner wur­den bereits 1873 unter­sagt – wobei die Geset­ze und deren Ein­hal­tung gera­de außer­halb der Zen­tren wohl wenig befolgt und nur sel­ten ver­folgt wur­den.

Über Annet­te Busch heißt es in den vor­lie­gen­den Quel­len,8 dass sie aus­schließ­lich gegen männ­li­che Rin­ger gekämpft habe: »Being in Japan, Anet­te […] mas­te­red in sumo. Her oppon­ents were only male wrest­lers, whom she stro­ke with awe by her solid build (130kg) and per­fect wrest­ling tech­ni­ques.«9 Es wird deut­lich, dass die­se Aus­sa­ge nicht etwa als Ero­ti­sie­rung der Kämp­fe Buschs zu ver­ste­hen ist, son­dern als eine Form von Radi­ka­li­sie­rung der Sen­sa­ti­on und Kurio­si­tät ›Star­ke Frau‹.10 Ent­spre­chend ist auch die Bild­un­ter­schrift unter der Pho­to­gra­phie ein­zu­ord­nen: »1920s. Japan. 265-pound Sum­o­to­ri Anet­te Busch (left) stag­gers not only her male oppo­nent but even the male spec­ta­tors out of the dohö [wohl: dohyō]« (https://www.fscclub.com/history/fame-strong‑e.shtml). Dass es sich hier – die japa­ni­sche Kämp­fe­rin wird nicht als Frau iden­ti­fi­ziert – um einen Wahr­neh­mungs-Irr­tum han­delt, der nicht nur aus dem spe­zi­fi­schen Kon­text Sport resul­tiert, son­dern auch aus der Spe­zi­fik cross-kul­tu­rel­ler Bli­cke, wird noch zu zei­gen sein. Im Bild und in den Kom­men­ta­ren zum Bild wer­den jedoch nicht nur Geschlech­ter­fra­gen ver­han­delt, son­dern es klin­gen auch wei­ter­füh­ren­de Ver­hand­lun­gen von Domi­nanz an: Es mes­sen sich Nati­on, Kul­tur, Kör­per und Kör­per­tech­ni­ken. Zunächst ein­mal ist es offen­sicht­lich, dass es sich bei die­ser Pho­to­gra­phie um eine Insze­nie­rung, eine »sta­ged authen­ti­ci­ty« (MacCan­nell 1973) han­delt.

So fin­det der Kampf weder im Ring statt, noch auf einer Büh­ne, noch ist über­haupt eine Mar­kie­rung der Kampf­flä­che zu erken­nen, die für die Aus­übung des Sumo jedoch kon­sti­tu­ie­ren­de Bedeu­tung hat. Dar­über hin­aus kann die Gegen­über­stel­lung von – in der Regel männ­li­chen – japa­ni­schen Rin­gern und west­li­chen See­leu­ten oder Kämp­fern in einer iko­no­gra­phi­schen, einer Insze­nie­rungs- und Bild­tra­di­ti­on ver­or­tet wer­den. Nach der Ankunft der Schif­fe Com­mo­do­re Per­rys in Japan (1853/1854), die eine Öff­nung der japa­ni­schen Häfen für den Han­del mit west­li­chen Natio­nen erzwin­gen soll­ten, wur­de die The­ma­tik der Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen west­li­cher Moder­ne sowie moder­nen west­li­chen Kör­pern und Kör­per­tech­ni­ken mit japa­ni­scher ›Tra­di­ti­on‹ sowie vor­mo­der­nen Kör­pern und Kör­per­tech­ni­ken in Holz­dru­cken auf­ge­grif­fen und bear­bei­tet. Die Kraft der japa­ni­schen sumōto­ri wird auf die­sen Bil­dern nicht allein über Mus­keln, son­dern vor allem auch über die Beto­nung des Bau­ches ange­zeigt. Die Dar­stel­lun­gen soll­ten für die Betrach­ten­den des Mei­ji-zeit­li­chen Japan (1868–1912) eine Wand­lung des als unter­le­gen emp­fun­de­nen japa­ni­schen Kör­pers und Natio­nal­kör­pers in einen über­le­ge­nen sug­ge­rie­ren.11

Abb. 2: Yoshi­fu­ji: Yoko­ha­ma homa­re (no) shō­bu zuke (1861)

Auf­trit­te ›Star­ker Frau­en‹ waren auch im Japan der Vor­mo­der­ne popu­lär und wur­den mit Frau­en-Ring­kämp­fen ver­bun­den. In der Moder­ne ent­stan­den dann, beson­ders in den Pro­vin­zen, auch Frau­en-Sumo-Trup­pen, die durch das Land zogen und neben Sumo auch Kraft­übun­gen zeig­ten sowie Tän­ze und Lie­der.12 Im Wes­ten gehör­ten ›Star­ke Frau­en‹ in den (dis­kur­si­ven) Raum von Spek­ta­kel, Attrak­tio­nen und des Stau­nens,13 sie wur­den aus­ge­stellt und waren zu sehen auf Jahr­märk­ten, in Varie­tés und Cir­cus Shows (und auch die Pho­to­gra­phie ist auf dem Jahr­markt »hei­misch«, wie Wal­ter Ben­ja­min schreibt; vgl. Ben­ja­min 1977, 47). Die Estin Anet­te Busch trat denn auch in Japan kei­nes­wegs nur als Rin­ge­rin in Erschei­nung, son­dern vor allem als ›Kraft­frau‹ oder ›Star­ke Frau‹, wie eine in der Mor­gen­aus­ga­be der Yomi­uri Zei­tung vom 19. April 1925 geschal­te­te Wer­bung deut­lich macht. Hier wird der Auf­tritt Buschs im Ring des berühm­ten und heu­te vor allem berüch­tig­ten Yasuku­ni-Schreins in Tokyo, in dem bereits Ad San­tel und Hen­ry Weber 1921 Kämp­fer des Kōdō­kan Judo her­aus­ge­for­dert hat­ten, als Show ange­kün­digt, in der den Zuschau­ern ver­spro­chen wird, Zeu­gen der gefähr­li­chen über­mensch­li­chen Kraft (bōken­te­ki ōkai­ri­ki/ōkai­ryo­ku) der kräf­tigs­ten Frau der Welt zu wer­den, die nicht nur gegen einen Bul­len kämp­fen, son­dern auch zwei Autos zum Stop­pen brin­gen wird. West­li­che Frau­en mit ›über­mensch­li­chen Kräf­ten‹ (kai­ri­ki) – wobei noch zu klä­ren bleibt, war­um die Kraft Buschs nun ›gefähr­lich‹ oder ›aben­teu­er­lich‹ (bōken­te­ki) ist –, waren dabei durch­aus kei­ne Neu­ig­keit in Japan, und die Per­for­mance Buschs konn­te etwa an die Annie Abbot­ts anschlie­ßen, die einen regel­rech­ten Boom in Japan aus­ge­löst hat­te. Annie Abbott (Litt­le Geor­gia Magnet, eigent­lich Dixie Annie Jar­ratt Hay­good, 1860–1915; vgl. Harrington/Harrington 2005) war im Jahr 1895 nach Japan gekom­men, um ihre Kräf­te zu zei­gen, und trat wäh­rend ihres Auf­ent­halts in Tokyo sogar vor dem Kron­prin­zen auf.

Tat­säch­lich waren Frau­en-Sum­okämp­fe noch immer kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, und noch 1926 wur­de Frau­en-Sumo erneut ver­bo­ten, nach­dem bei einer Show in Asaku­sa (Tokyo) ein männ­li­cher Zuschau­er spon­tan gegen eine Rin­ge­rin antrat.14 Hier wird noch ein­mal deut­lich, dass kämp­fen­de Frau­en eine Grenz­über­schrei­tung dar­stell­ten (und auch noch dar­stel­len); nicht zufäl­lig trägt KAMEI Yoshies Mono­gra­phie zum Frau­en-Sumo den Unter­ti­tel Grenz­über­schrei­ten­de Schau­kunst (Ekkyō no geinō; 2012). ›Grenz­über­schrei­tend‹ wird hier im Sin­ne eines »Über­schrei­tens gesell­schaft­li­cher Nor­men oder eines umge­kehr­ten Ver­hal­tens (gya­ku­ten suru eii)« ver­wen­det (Kamei 2012, 11), wobei das japa­ni­sche Wort ekkyō (Grenz­über­schrei­tung) bei­kom­mend die Kon­no­ta­ti­on einer ille­ga­len Über­schrei­tung oder einer Grenz­ver­let­zung beinhal­tet.

Abb. 3: Anet­te Busch in Japan 15

Auf der Pho­to­gra­phie, die Anet­te Busch als berühm­te und hoch­ge­schätz­te Rin­ge­rin und ›Star­ke Frau‹ in Japan zeigt (Abb. 3), wirft sie dann den Blick auf uns zurück. Auch dies gehört zur Blick­ord­nung und ‑kon­stel­la­ti­on von Pho­to­gra­phien eben­so wie der Blick durch die Kame­ra, der den Aus­schnitt wählt, der sich uns Betrach­ten­den dann dar­bie­tet, sowie unser Blick als Betrach­ten­de. Bil­der zei­gen, aber unser Blick, die Pra­xis des Sehens, ist eine sozi­al und kul­tu­rell deter­mi­nier­te, eine ver­kör­per­te Hand­lung, was nach Don­na Hara­way aus­drück­lich auch Instru­men­te und Tech­no­lo­gien, die den mensch­li­chen Blick ver­län­gern, ein­schließt: »I would like to insist on the embo­di­ed natu­re of all visi­on, and so rec­laim the sen­so­ry sys­tem that has been used to signi­fy a leap out of the mar­ked body and into a con­que­ring gaze from nowhe­re. […] The eye of any ordi­na­ry pri­ma­te like us can be end­less­ly enhan­ced by sono­gra­phy sys­tems, […] satel­li­te sur­veil­lan­ce sys­tems, home and office VDTs, came­ras for every pur­po­se…« (Hara­way 20022, 677). Die­ses Bild (Abb. 3) und das Bei­spiel einer Anet­te-Busch-Post­kar­te (Abb. 4; Vor­der­an­sicht), die in Japan Ver­brei­tung fan­den, zeu­gen von Wert­schät­zung, aber auch von dem Sen­sa­ti­ons­wert, den die­se Euro­päe­rin als ›Star­ke Frau‹ und Rin­ge­rin, durch ihre Kör­per­lich­keit und ihre sport­li­che Kör­per­pra­xis in Japan erhielt und hat­te.

Abb. 4: Post­kar­te Anet­te Busch; Vor­der­an­sicht. Beschrif­tung (in Tei­len): »Eine inter­na­tio­na­le Schön­heit von über­mensch­li­cher Kraft, Anet­te Busch, 35 Jah­re, Gewicht 40 kan (150 kg), Sap­po­ro« 16

Der Gegen­stand des vor­lie­gen­den Bei­trags ist damit ein­ge­führt. Wir betrach­ten – exem­pla­risch und punk­tu­ell – Wahr­neh­mun­gen ›bewe­gen­der Kör­per‹ in der cross-kul­tu­rel­len Per­spek­ti­ve Japan-Deutsch­land. Sol­che grenz­über­schrei­ten­den Bli­cke mate­ria­li­sie­ren sich u.a. in Bil­dern (sie­he oben) und in Tex­ten, die wir im Fol­gen­den genau­er in Augen­schein neh­men und mit den Bil­dern in Bezie­hung set­zen wol­len. Die Zugrif­fe und Per­spek­ti­ven resul­tie­ren aus den am Pro­jekt betei­lig­ten Dis­zi­pli­nen (ger­ma­nis­ti­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Japa­no­lo­gie). Gelei­tet wer­den sie durch die For­schungs­schwer­punk­te des Autors/der Autorin (japa­ni­sche Sport­ge­schich­te und Kör­per­kul­tur sowie Rei­se­li­te­ra­tur­for­schung).17

 

2. Körper anderer Frauen: ›Eräugnisse‹ und Irritationen

Bli­cke auf Ande­re fin­den in der Regel unter den Bli­cken Ande­rer statt – Wahr­neh­men­de wer­den wahr­ge­nom­men. Isa­bel­la Bird (1831–1904), die im Jahr 1878 etwa ein hal­bes Jahr durch Japan reis­te – »I lived among the Japa­ne­se, and saw their mode of living« (Bird 2000 [1880], xix) – wur­de von denen, die sie sah und beschrieb, auch selbst gese­hen und ange­se­hen:

I took my lunch […] in a yard, and the peop­le crow­ded in hund­reds to the gate, and tho­se behind, being unab­le to see me, got lad­ders and clim­bed on the adja­cent roofs, whe­re they remai­ned till one of the roofs gave way with a loud crash, and pre­ci­pi­ta­ted about fif­ty men, women, and child­ren into the room below which for­tu­n­a­te­ly was vacant […]. The Trans­port Agent beg­ged them to go away, but they said they might never see such a sight again! One old peasant said he would go away if he were told whe­ther ›the sight‹ were a man or a woman, and, on the agent asking if that were any busi­ness of his, he said he should like to tell at home what he had seen (ebd. [21. Juli 1878], 146).

Die Irri­ta­ti­on, die hier for­mu­liert wird, ist nicht unge­wöhn­lich. Zunächst ein­mal gehör­te weib­li­che Mobi­li­tät, gehör­ten Rei­sen – wohl­ge­merkt in als exo­tisch und fern erfah­re­ne Gebie­te – im 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert im Wes­ten, aber auch in Japan (vgl. Noda 2010), zu den normab­wei­chen­den Tätig­kei­ten für (v.a. allein rei­sen­de) Frau­en. Ein sol­cher ›Anblick‹ war mit­hin ein Erwar­tungs­bruch, was von den weib­li­chen Rei­sen­den eini­ges an Selbst­be­wusst­sein und Wider­stands­kraft for­der­te (vgl. Stamm 2018). Stra­te­gien von Ver­hül­len und Ent­hül­len im Rei­sen und Rei­se­schrei­ben (im Sin­ne von Camou­fla­ge, Mas­ke­ra­de und spie­le­ri­scher gen­der per­for­mance)18 erlaub­ten es, bestimm­te Gren­zen zu deh­nen und zu trans­gre­die­ren, was in der Fol­ge nicht sel­ten zu Irri­ta­tio­nen und Wahr­neh­mungs­un­si­cher­hei­ten sowie zu Ver­hand­lun­gen im Hin­blick auf Geschlecht und Geschlechts­iden­ti­tät führ­te. Dar­über hin­aus befand sich Isa­bel­la Bird im Juli 1878 rela­tiv weit im Nor­den Japans, wo der Anblick west­li­cher Rei­sen­der noch nicht zum All­tag gehör­te und mit­hin ein ›Eräug­nis‹ dar­stell­te.19 Ihre grenz­über­schrei­ten­de Mobi­li­tät – wohl­ge­merkt zu Pferd – sowie ihre west­li­che Her­kunft mach­ten es dem Bau­ern schwer, das Gese­he­ne für sich sowie die Ver­mitt­lung sei­ner Erfah­rung ein­zu­ord­nen. Da ihm sei­ne Wahr­neh­mungs­ge­wohn­hei­ten auf sei­ne drin­gen­de Fra­ge kei­ne Ant­wort boten, bestand er auf sein Recht, zu ›wis­sen‹.20 Auch für frü­he Mei­ji-zeit­li­che japa­ni­sche Rei­sen­de (durch­ge­hend männ­li­chen Geschlechts) nach Euro­pa und in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten gaben die ›Sich­tun­gen‹ von und Begeg­nun­gen mit Frau­en Anlass für man­cher­lei Ver­wir­rung, was jedoch in der Regel auf den unge­wohn­ten Umgangs­for­men der Geschlech­ter unter­ein­an­der beruh­te.21

Eben­so wie der mobi­le Kör­per weib­li­cher Rei­sen­der Anlass zu Irri­ta­tio­nen gab, evo­zier­te der weib­li­che sport­trei­ben­de Kör­per Irr­tü­mer und Wahr­neh­mungs­ir­ri­ta­tio­nen bei Rei­sen­den. Die Wahr­neh­mung der Kör­per der Ande­ren, der ande­ren Kör­per­pra­xis und Kör­per­tech­ni­ken (als fremd) war für Japan­rei­sen­de im 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert his­to­risch, kul­tu­rell und medi­al stark prä­fi­g­u­riert.22 Die Erwar­tung der Dif­fe­renzerfah­rung ist fes­ter Bestand­teil der Prä­fi­g­u­ra­tio­nen, und die damit ver­bun­de­nen Sche­ma­ta, Dar­stel­lungs­stra­te­gien und Insze­nie­run­gen sind topisch, eva­lu­ie­rend und gehö­ren zu den Gat­tungs­kon­ven­tio­nen des Rei­se­schrei­bens über Japan; inso­fern ist die­se (als sol­che ver­mit­tel­te) Dif­fe­renz­erfah­rung eigent­lich gar kei­ne. Die exo­ti­sie­ren­den Ima­gi­na­tio­nen im Hin­blick auf den Kör­per und die Kör­per­pra­xis der japa­ni­schen Frau etwa waren schon ab der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts fest­ge­schrie­ben. Sie basier­ten auf und bestan­den aus – im Übri­gen bis heu­te wirk­sa­men – For­men und Ver­flech­tun­gen von Sexis­mus, Ras­sis­mus und Fremd­stel­lung sowie einer recht unge­sun­den Ver­bin­dung von Miso­gy­nie, Über­hö­hung und Begeh­ren. Häu­fig fin­den sich para­doxa­le Beschrei­bun­gen, die auf Ent-Kör­per­li­chung und Ver­kind­li­chung bei gleich­zei­ti­ger Zuschrei­bung einer – für den west­li­chen Mann auch bedroh­li­chen, mys­ti­fi­zier­ten – Sinn­lich­keit beru­hen. Sinn-Bild und Per­so­ni­fi­ka­ti­on die­ser media­len Ima­gi­na­ti­on war und ist die japa­ni­sche Gei­sha.23 Die zu die­sem Sinn-Bild gehö­ri­ge Klei­dung, der Kimo­no, gab dem Kör­per eine ein­präg­sa­me Sil­hou­et­te und erfor­der­te bestimm­te, ves­ti­men­tär gepräg­te Kör­per­tech­ni­ken, die von den west­li­chen männ­li­chen Betrach­tern als deut­lich ein­schrän­kend für die Beweg­lich­keit gewer­tet und eben­so deut­lich gou­tiert wur­den.24 Beob­ach­tun­gen, Dar­stel­lun­gen und Insze­nie­run­gen japa­ni­scher Sport­le­rin­nen und Kämp­fe­rin­nen müs­sen also im Ver­hält­nis zu die­ser erwar­te­ten Dif­fe­renz als eigent­li­che Dif­fe­renz­erfah­rung und ‑bear­bei­tung gewer­tet wer­den – ent­spre­chend fin­den sich mit hohem rhe­to­ri­schem Auf­wand gestal­te­te Beschrei­bun­gen und Kom­men­tie­run­gen sol­cher ›bewe­gen­der Kör­per‹.

 

3. Körper kämpfender Frauen: Unordnung und Ordnung

Max Dau­then­dey (1867–1918), ein heu­te weit­ge­hend in Ver­ges­sen­heit gera­te­ner Autor, kam im Ver­lauf sei­ner ers­ten Welt­rei­se am 23. April 1906 in Naga­sa­ki an, bereits am 24. Mai ver­ließ er das Land am Hafen von Yoko­ha­ma.25 Am 29. April 1906 schreibt er in einem Brief an sei­ne Frau: »Heu­te soll ich Jiu-Jitsu sehen, das sind die berühm­ten geheim­nis­vol­len Ring­kämp­fer, die mit einem Fin­ger einen Mann töten« (Dau­then­dey 1930, 149). Was er dann offen­bar zu sehen bekam, ist in der Rei­se­be­schrei­bung Die geflü­gel­te Erde. Ein Lied der Lie­be und der Wun­der um sie­ben Mee­re (1910) ver­ar­bei­tet. In die­sem nicht unan­ge­streng­ten epi­schen Gedicht in frei­en Lang­zei­len, das stark exo­ti­sie­rend ein­zel­ne Sta­tio­nen sei­ner Welt­rei­se ›besingt‹, fin­den sich zwei bemer­kens­wer­te Kapi­tel, die sich mit ›bewe­gen­den‹, mit sport­trei­ben­den und kämp­fen­den Kör­pern aus­ein­an­der set­zen. Das ers­te Kapi­tel trägt die Über­schrift »In der kai­ser­li­chen Dschiud­schitsu-Schu­le in Kio­to« (ebd., 356ff.). Hier kün­digt sich, auch für die Lesen­den, wie­der­um ein ›Eräug­nis‹ an: »Glaubst du auch, du hast alles gese­hen, wer­den dir immer noch die Augen auf­ge­hen« (ebd., 356) – neben den Augen ›gehen‹ dem Rei­se­schrei­ber dann aber zunächst vor allem die ›Ohren auf‹. Ent­ge­gen sei­ner Erwar­tung, dass sich die »Fecht­aka­de­mie« in einem klei­nen Saal befin­det und sich dort ein »paar Kämp­fer« tum­meln (ebd.), wird er vom »Rik­scha­fah­rer«, dem er Trun­ken­heit unter­stellt, zu einem präch­ti­gen Gebäu­de gebracht, das ihm wie ein Tem­pel anmu­tet. Man kann davon aus­ge­hen, dass es sich bei dem Gebäu­de um die Buto­ku­den (Hal­le der Krie­ge­ri­schen Tugen­den) der Dai Nip­pon Buto­ku Kai in Kyo­to han­delt. Zu die­sem Erwar­tungs­bruch gesellt sich nun ein Hör­ein­druck, der ihn voll­ends ver­wirrt. Er hört die Schreie kämp­fen­der »Bes­ti­en«, die töd­li­che Kämp­fe mit­ein­an­der aus­fech­ten, Jagua­re, Tiger, Pan­ther, auch Pfer­de, Papa­gei­en und Häh­ne hört er Lau­te aus­sto­ßen, die ihm den Ein­druck ver­mit­teln, »dass man den zoo­lo­gi­schen Gar­ten durch­quert«, in dem sich die Tie­re gera­de gegen­sei­tig mas­sa­krie­ren (ebd., 357). Das Zurück­grei­fen auf den Bild­be­reich Tie­re und Zoo ist in Rei­se­li­te­ra­tur aus die­ser Epo­che nicht unge­wöhn­lich und gehört zu den über­lie­fer­ten Topoi des (kultur-)imperialistischen und ras­sis­ti­schen Dis­kur­ses. Den­noch: hier wird mit gro­ßem rhe­to­ri­schem Auf­wand eine Sound­s­cape kre­iert26 (und im Ver­lau­fe des Kapi­tels immer wie­der vari­iert), die recht ein­drück­lich ist und nicht zuletzt der Span­nungs­stei­ge­rung, dem Eta­blie­ren eines Rät­sels und sei­ner suk­zes­si­ven Ent­hül­lung dient, wie es auch der Beginn des Kapi­tels ankün­digt: »[es] wird sich dir wie in einer japa­ni­schen Schach­tel / Immer ein neu­es Schäch­tel­chen zei­gen« (ebd., 356). Ent­spre­chend ent­hüllt sich dem Rei­se­schrei­ber und mit­hin den Lesen­den fol­gen­des Bild:

Die Men­schen, die vor mir wie Bes­ti­en hüp­fen, die sich wie Kampf­häh­ne gesträubt anschau­en, sind, wenn sie die lackier­te schwar­ze Fecht­mas­ke lüp­fen, – / Jun­ge, ade­li­ge Mäd­chen, jun­ge Samu­rai­f­rau­en; unmög­lich zu glau­ben: die­ses Wut­schnau­ben, die­ses Häh­ne­krä­hen, die­se Bes­ti­en­schreie / Ent­schlüp­fen der Rei­he nach den Keh­len japa­ni­scher Damen, und die­se Mus­keln, die sich vor mir im Speer­kampf stäh­len, sind Frau­en­glie­der; – / […] die, kaum zu zäh­men, ihre Mas­ken end­lich abneh­men von den erhitz­ten Gesich­tern und den Schweiß­dampf abwi­schen, / […] die­se klei­nen Krie­ger sind japa­ni­sche Frau­en, in Bein- und Arm­schie­nen und waf­fen­star­rend zu schau­en (ebd., 358).

Es ist vor allem die Tat­sa­che, dass es sich um Keh­len, Mus­keln und Glie­der, erhitz­te Gesich­ter und den »Schweiß­dampf« von Frau­en – hier aus­drück­lich auch als »ade­li­ge Mäd­chen, jun­ge Samu­rai­f­rau­en«27 und als »Damen« bezeich­net – han­delt, wes­halb der Rei­se­schrei­ber sei­nem Erstau­nen und sei­nem Unglau­ben kaum genug Aus­druck ver­lei­hen kann, wes­halb hier wohl auch zum Mit­tel der Frag­men­tie­rung des Kör­pers gegrif­fen wird. Es wird noch zu zei­gen sein, dass die Kör­per sport­trei­ben­der Frau­en, die einer ande­ren Gesell­schafts­klas­se ange­hö­ren, ande­re Wahr­neh­mungs-Ein­drü­cke beim Rei­se­schrei­ber hin­ter­las­sen.28 Der Bericht wid­met sich im Wei­te­ren aus­führ­lich den mit dem Speer­kampf (nagi­na­ta) ver­bun­de­nen Kör­per­tech­ni­ken. Auch in der Tra­di­ti­on der japa­ni­schen Kampf­küns­te, die für Frau­en star­re Gren­zen setz­te, ist der Speer­kampf eine Aus­nah­me, da er ab der spä­ten Edo-Peri­ode vor allem als Kampf­kunst für Frau­en gese­hen wur­de und dann in der Mei­ji-Zeit neben dem Bogen­schie­ßen zu den weni­gen Kampf­küns­ten gehör­te, die Frau­en und jun­gen Mäd­chen zugäng­lich waren.

Am Ende des Kapi­tels wird die­se irri­tie­ren­de Erfah­rung vom Rei­se­schrei­ber dann in einen wei­te­ren, im Jahr 1906 noch aktu­el­len und auch in den Fol­ge­jah­ren wich­ti­gen (macht-)politischen Dis­kurs über­führt, der Japan, die Japa­ner und nun auch die Japa­nerinnen als krie­ge­risch prä­sen­tiert. Inter­es­san­ter Wei­se wer­den hier jedoch kei­ne moder­nen, son­dern vor­mo­der­ne For­men und Bil­der des Kamp­fes evo­ziert: Die Sport­le­rin­nen »zeig­ten Mut und Dolch­mes­ser, die gern dem Lan­des­feind das Herz­blut tran­ken. Mann und Frau, in einem Saal ver­eint, / Übten in den Kampf­klei­dern die Waf­fen­kraft, die dem Haus­herd den Frie­den vor Nei­dern schafft« (ebd., 360). Inwie­fern die­se Erfah­run­gen nun mit den tra­dier­ten west­li­chen Ima­gi­na­tio­nen der japa­ni­schen Frau in Kon­flikt ste­hen, zeigt sich dann in den gelin­de gesagt merk­wür­di­gen Abschluss­ver­sen des Kapi­tels, in denen auch der Mythos von den Ama­zo­nen wie­der anklingt:29

Ich seh’ noch in man­cher Stun­de im Geist die kämp­fen­den, schwarz­mas­kier­ten Frau­en, / Ver­steckt in die leder­ne Pan­zer­brust, die run­de, und ver­mummt wie See­hun­de, auf­ein­an­der hau­en. Seit die­sem Frau­en­gefecht hat mich vor Japan ein Grau­en erschreckt, / Als hätt’ ich ein neu­es Lie­bes­ge­schlecht auf einem andern Stern ent­deckt (ebd., 360).

Eini­ge Kapi­tel spä­ter (ebd., 381ff.) schei­nen die­se Bil­der der kämp­fen­den Frau­en dann schon nicht mehr vor sei­nem inne­ren Auge zu ste­hen. Der Rei­se­schrei­ber beschreibt hier Ein­drü­cke aus Tokyo, wo er Zeu­ge einer Macht­de­mons­tra­ti­on des japa­ni­schen Staa­tes wird, der sich als moder­ne und sieg­rei­che kriegs­füh­ren­de Nati­on prä­sen­tiert.

Am nächs­ten Mor­gen fand ich auf den Para­de­plät­zen inmit­ten der Stadt, / Aus­ge­brei­tet gleich unge­heu­ren Schät­zen, Tau­sen­de schwar­ze Kano­nen­rei­hen und Stahl­ge­schos­se zu Hau­fen auf­ge­stellt im Frei­en. / Sie­ges­tro­phä­en von Port Arthur. Die rus­si­schen Kano­nen­un­ge­heu­er ließ man das Volk wie getö­te­te Bes­ti­en sehen (ebd., 382).

Alles deu­tet dar­auf hin, dass es sich hier­bei um eine der zahl­rei­chen und im gan­zen Land abge­hal­te­nen Fei­er­lich­kei­ten anläss­lich des Sie­ges im Japa­nisch-Rus­si­schen Krieg (1904/05) gehan­delt hat. In Tokyo etwa fan­den ab Novem­ber 1905 ver­schie­de­ne Zere­mo­nien am und im Yasuku­ni-Schrein statt, die der Ver­eh­rung der See­len der gefal­le­nen Sol­da­ten die­ses Krie­ges gal­ten.30 Der Höhe­punkt die­ser ver­schie­de­nen Fest­lich­kei­ten war zwi­schen Ende April und Anfang Mai 1906, also zum Zeit­punkt, als sich Max Dau­then­dey in Japan auf­hielt. Auf dem Aoya­ma-Exer­zier­platz nahm der Kai­ser am 30. April in einer Kut­sche zunächst eine Para­de von 17 Divi­sio­nen (mehr als 30.000 Sol­da­ten) ab. Anschlie­ßend mar­schier­ten die Divi­sio­nen in einer Sie­ges­pa­ra­de durch Tokyo, wobei die ers­ten Sol­da­ten der Para­de den Exer­zier­platz um 13 Uhr ver­lie­ßen und die letz­ten erst um 18 Uhr auf­bre­chen konn­ten (vgl. Fuji­ta­ni 1998, 137). Bereits ab dem 26. April wur­de vor dem Kai­ser­li­chen Palast von den Rus­sen erober­tes Kriegs­ge­rät aus­ge­stellt.31 Die natio­na­le Zei­tung Yomi­uri Shim­bun berich­tet dann auch von einem Besuch der Aus­stel­lung durch den Kai­ser sowie die Kai­se­rin.32 In der eng­lisch­spra­chi­gen Japan Wee­kly Mail vom 5. Mai 1906 wird die Aus­stel­lung wie folgt beschrie­ben: »unques­tion­ab­ly a specta­cle altog­e­ther without pre­ce­dent in the histo­ry of the world […] nor is anything of equal magnitu­de and inte­rest likely to be ever seen again« (zit. n. Fuji­ta­ni 1998, 135). Die­ser spek­ta­ku­lä­ren Zur­schau­stel­lung von natio­na­ler und mili­tä­ri­scher Macht, moder­ner Kriegs­füh­rung und Stär­ke wird im poe­ti­schen Rei­se­be­richt viel Raum gege­ben.33 Die sich anschlie­ßen­den »Gedan­ken« (ebd. 384ff.) kön­nen als Ver­such der ›Ver­söh­nung‹ der (vor­mo­der­nen) west­li­chen Ima­gi­na­tio­nen von Japan und ›den Japa­nern‹ mit dem über­wäl­ti­gen­den Wahr­neh­mungs­ein­druck gele­sen wer­den. In die­sem Akt wird auch die v.a. in und aus der Ima­gi­na­ti­on ver­trau­te (und offen­bar ersehn­te) vor­mo­der­ne Geschlech­ter­ord­nung schrei­bend wie­der­her­ge­stellt. Die Kämp­fe­rin­nen, die dem Rei­se­schrei­ber noch etwa 20 Sei­ten vor­her Ohren und Augen auf- und über­ge­hen lie­ßen, sind ver­schwun­den und die Frau wird dem Schutz der – aller – Män­ner über­ant­wor­tet:

Die Lie­be zum Her­de treibt jeden Mann zum Ver­tei­di­gen sei­ner Hei­mat an. / Und die Lie­be zum Her­de ist die Lie­be zum Weib, das, wehr­los auf der Schol­le Erde, sich nicht ver­tei­di­gen kann. –– / Ich sah immer wie­der die­se win­zi­gen japa­ni­schen Frau­en an, von denen jede nur lächeln und nicht viel reden kann, / Die her­an­trip­peln auf ihren Holz­san­da­len; auf dem Rücken trägt jede ein Kind, dem sie zulä­cheln. / Und sie gehen unter Bücken, demü­tig und emsig, dem Gelieb­ten zu nüt­zen (ebd., 385).

Damit ist die Irri­ta­ti­on, die durch die, die Gren­zen der eige­nen Vor­stel­lungs­kraft über­schrei­ten­den, ›bewe­gen­den Kör­per‹ aus­ge­löst wur­de, sowohl mit­ge­teilt als auch durch die­ses – einer­seits auf Japan bezo­ge­ne, ande­rer­seits uni­ver­sell ange­leg­te – Sehn­suchts­bild bear­bei­tet; eine Stö­rung ist eben nicht immer Aus­gangs­punkt von Aus­hand­lung und Ent­wick­lung, weder gesell­schaft­lich, noch lite­ra­risch.34

Auch bei pro­sai­sche­ren Zeit­ge­nos­sen fin­den sich merk­wür­dig anmu­ten­de Bear­bei­tun­gen von Ein­drü­cken, die die eigen­kul­tu­rel­le Geschlech­ter­ord­nung und die prä­fi­g­u­rier­ten Fremd­bil­der her­aus­for­dern. Edu­ard Wild­ha­gen (1890–1970), ein Mann, dem man sicher­lich kei­ne poe­ti­schen Ambi­tio­nen beim Ver­fas­sen sei­nes Buches In Japan. Erfah­run­gen und Erleb­nis­se (1929) nach­sa­gen kann, war von 1923–1926 Lek­tor für Deutsch an der Hoch­schu­le von Oka­ya­ma.35 Wild­ha­gen hat­te gro­ßes Inter­es­se am japa­ni­schen Unter­richts­sys­tem sowie an japa­ni­schen Kampf­küns­ten und Sport; er wid­met »Juji­tsu, Fech­ten, Bogen­schie­ßen« ein gan­zes Kapi­tel (ebd., 121–146), in dem er auch sei­ne eige­nen Erfah­run­gen beim Erler­nen des Judo36 schil­dert. Sei­ne Beschrei­bun­gen japa­ni­scher Frau­en sowie der Geschlech­ter­ver­hält­nis­se in Japan grün­den zwar auf den übli­chen Ste­reo­ty­pi­sie­run­gen und Bil­dern, der Ton ist jedoch weit­aus sach­li­cher und berich­ten­der, man­che Ima­gi­na­tio­nen wer­den mit Sar­kas­mus (und teils auch im Sin­ne ›ras­se­kun­di­ger‹ Kör­per-Obser­va­tio­nen) in Fra­ge gestellt. In sei­nen Aus­füh­run­gen zu »Mäd­chen und Frau­en« (ebd., 113ff.) wid­met er sich v.a. der Erzie­hung an einer benach­bar­ten »Töch­ter­schu­le, in der die vor­neh­men jun­gen Damen der Stadt nach moderns­ten Grund­sät­zen gebil­det […] wer­den«. (ebd., 113) Der grenz­über­schrei­ten­de Blick des west­li­chen Man­nes rich­tet sich eva­lu­ie­rend auf die Kör­per und Kör­per­tech­ni­ken der Mäd­chen, ihre Klei­dung, Hygie­ne und Gesund­heit sowie die Ent­wick­lung all die­ser. Auch der Sport, der auf dem Schul­hof aus­ge­übt wird, ist Gegen­stand sei­ner Betrach­tun­gen:

Nach jeder Stun­de stürmt alles bis auf den letz­ten Jahr­gang, der durch die Klei­dung behin­dert ist, auf den Schul­hof zu Frei­übun­gen. Alle mög­li­chen Sys­te­me von Jahn und Eiselen bis zu Jac­ques Dal­cro­ze wer­den nach dem Tak­te der Musik aus­ge­probt. Tou­jours der­nier cri! Die­sel­ben Mäd­chen, die im Gebrauch des Mili­tär­ge­wehrs unter­rich­tet wer­den, müs­sen küh­ne Bal­lett­sprün­ge üben, um durch Kunst­be­flis­sen­heit sich den schmet­ter­lings­haf­ten Elfen­schritt anzu­eig­nen, den man den Japa­ne­rin­nen sehr zu Unrecht andich­tet (ebd., 114).

Lei­bes­übun­gen an den Höhe­ren Bil­dungs­ein­rich­tun­gen stan­den in die­sen Jah­ren noch im Zei­chen des ers­ten Kom­pen­di­ums für schu­li­sche Lei­bes­übun­gen (Gakkō taisō kyōju yōmo­ku) von 1913, das sich schwer­punkt­mä­ßig auf die Schwe­di­sche Gym­nas­tik stütz­te, sie sahen aber auch Drill, sowie Fech­ten und jūjutsu vor. Mit die­sem Kom­pen­di­um wur­de auch Mäd­chen und jun­gen Frau­en zum ers­ten Mal der Zugang zu mili­tä­ri­schen Drill­übun­gen gestat­tet (Kimu­ra 1978, 71).37 Es ist dann auch v.a. die wehr­sport­li­che Erzie­hung und die Aus­bil­dung der jun­gen Frau­en am Gewehr, die Wild­ha­gen etwa 20 Jah­re nach Dau­then­deys Rei­se in Japan nach­hal­tig beein­druckt und die er ins Ver­hält­nis setzt zu den Nor­mie­run­gen und For­mun­gen der weib­li­chen Kör­per und Kör­per­tech­ni­ken im Sin­ne der gän­gi­gen Geschlech­ter­bil­der. Dies löst bei ihm, des­sen Blick nüch­ter­ner ist als der des Rei­se­schrei­bers in Dau­then­deys Werk, jedoch kei­ne all­zu gro­ßen Irri­ta­tio­nen aus, auch wer­den kei­ne vor­mo­der­nen Sehn­suchts­bil­der re-kon­stru­iert. Viel­mehr scheint er eine cross-kul­tu­rel­le ›Über­tra­gungs­leis­tung‹ anzu­stre­ben, die die von ihm offen­bar als sol­che kon­sta­tier­ten Defi­zi­te in der kör­per­li­chen Erzie­hung deut­scher Mäd­chen und Frau­en kom­pen­sie­ren könn­te:

Wenn in Japan die Schü­le­rin­nen höhe­rer Lehr­an­stal­ten neu­er­dings im Gebrauch des Mili­tär­ge­wehrs unter­wie­sen wer­den und bei Schieß­übun­gen selbst ergrau­te Krie­ger aus dem Fel­de schla­gen, so wäre den deut­schen Mäd­chen im Bogen­schie­ßen ein Äqui­va­lent zu gön­nen, das in sei­ner har­mo­ni­schen Bewe­gung und mit sei­nen schö­nen Stel­lun­gen von güns­ti­gem Ein­fluß auf Hal­tung und Ent­wick­lung von Mäd­chen und Frau­en sein dürf­te (ebd., 145f.).

Wild­ha­gens Bericht ent­hält auch eini­ge Zeich­nun­gen und Pho­to­gra­phien und auch der japa­ni­sche Sport ist mit drei Abbil­dun­gen reprä­sen­tiert. Auf kei­nem die­ser Bil­der sind sport­trei­ben­de Frau­en zu sehen. Neben Ken­do, Kyu­do (ebd., 160/161) und Judo (ebd., 144/145) gibt es auch eine Pho­to­gra­phie drei­er sumōto­ri (ebd., 320/321). Hier wird ein fun­da­men­tal ande­res Sumo gezeigt als auf der zu Beginn die­ses Arti­kels bespro­che­nen Pho­to­gra­phie (Abb. 1), die etwa zum glei­chen Zeit­raum, in den 1920er Jah­ren, ent­stan­den ist.                                                             

Abb. 5: Sumo-Rin­ger; Sze­ne einer dohyō iri-Zere­mo­nie. 38

Die Sze­ne zeigt im Zen­trum einen Sumo-Rin­ger im Ran­ge eines Yoko­zu­na (höchs­ter Rang), was am zere­mo­ni­el­len tsu­na (Seil) erkenn­bar ist, das über der keshō mawa­shi (zere­mo­ni­el­ler Sei­den­schurz) getra­gen wird und dem Yoko­zu­na-Rang vor­be­hal­ten ist. Die dar­ge­stell­te Sze­ne ver­weist in Klei­dung und räum­li­cher Auf­stel­lung der Betei­lig­ten auf eine Zere­mo­nie, die ›Ein­zug-in-den-Ring-Zere­mo­nie‹ (dohyō iri) genannt wird:39 Zunächst ein­mal wird das oben erwähn­te Seil durch einen Yoko­zu­na bei sei­ner indi­vi­du­el­len dohyō iri Zere­mo­nie getra­gen. Links und rechts vom Yoko­zu­na sind zwei wei­te­re sumōto­ri, der Tau­wi­scher (tsuyu­ha­rai) und der Schwert­trä­ger (tachi­mochi), zu sehen, die bei­de eben­falls kost­ba­re keshō mawa­shi tra­gen, die zum mawa­shi des Yoko­zu­na pas­sen und die­sem auch gehö­ren. Rechts im Hin­ter­grund steht der Schieds­rich­ter, der hori­zon­tal vor sich einen Fächer hält. Links fin­det sich über­dies ein Shin­to-Pries­ter im wei­ßen Gewand. Auch das Gebäu­de im Hin­ter­grund (eben­so wie die Anwe­sen­heit eines Shin­to-Pries­ters, der ent­ge­gen der Bild­un­ter­schrift kei­ne Funk­ti­on als Schieds­rich­ter inne­hat) ver­wei­sen auf eine dohyō iri-Zere­mo­nie in einem Schrein.40 Auf die­ser Pho­to­gra­phie in Wild­ha­gens Rei­se­be­schrei­bung wird Sumo – und die mit der Kampf­kunst ver­bun­de­nen Ritua­le, das Zere­mo­ni­el­le – von den abge­bil­de­ten Män­nern in aller Ernst­haf­tig­keit ver­kör­pert. Auf der ein­gangs bespro­che­nen Pho­to­gra­phie hin­ge­gen (Abb. 1) wird Sumo zum Schau-Kampf zwei­er Frau­en im Über­gang von Vor­mo­der­ne und Moder­ne sowie als eine Kon­fron­ta­ti­on von Wes­ten und Osten insze­niert. Durch die Tat­sa­che, dass hier Frau­en – eine so bezeich­ne­te ›Star­ke Frau‹ und eine star­ke Frau – kämp­fen (den Kampf zei­chen­haft andeu­ten) wer­den zudem Norm- und Grenz­über­schrei­tun­gen impli­ziert, die nicht zuletzt cues für den Kon­text des sexua­li­sier­ten weib­li­chen Kör­pers beinhal­ten. Was bei­de Pho­to­gra­phien ver­bin­det, ist, dass sie etwas Zur-Schau-stel­len, ein ›Eräug­nis‹, ein Spek­ta­kel, das im Sin­ne des spec­ta­cu­lum als spek­ta­ku­lär nicht nur für die west­li­chen Betrach­ten­den bezeich­net wer­den kann.41

 

4. Körper sehen, hören, riechen: das Spektakel

Als Spek­ta­kel im enge­ren Sin­ne, ver­stan­den als »gewöhn­lich« und auch im Sin­ne von »lärm­s­ce­nen, […] wobei eine volks­men­ge mit lär­men und schrei­en ant­heil neh­mend gedacht wird« (Deut­sches Wör­ter­buch Bd. 16; Sp. 2131) müs­sen dann die zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in Japan immer noch statt­fin­den­den Frau­en-Sum­okämp­fe bezeich­net wer­den, von denen in der Rei­se­be­schrei­bung Max Dau­then­deys ein Zeug­nis abge­legt wird, das hier abschlie­ßend noch in Augen­schein genom­men wer­den soll:

In der Thea­ter­stra­ße von Yoko­ha­ma stand eine Rin­ger­bu­de, und die Men­schen­mas­se dräng­te hin­ein von der Gas­se. / Es waren nack­te rin­gen­de Frau­en zu schau­en. Ich trat ein in das Zelt. Es war nach­mit­tag, unter der grau­en Lein­wand gro­ßer Andrang / […] Um eine erhöh­te Bret­ter­büh­ne, eine brei­te, stan­den die Leu­te im Krei­se von jeder Sei­te. / Klei­ne, nack­te, fet­te Frau­en kämpf­ten schnau­fend und paar­wei­se. Die Kämp­fe­rin­nen tru­gen nur einen Gurt um die Mit­te (Dau­then­dey 1910, 414).

Sowohl der Aus­tra­gungs­ort als auch die gan­ze Sze­ne­rie ver­wei­sen dar­auf, dass der Rei­se­schrei­ber Zeu­ge einer Form des Frau­en-Sumo wird, die in der Moder­ne wie­der­holt ver­bo­ten wur­de (s.o.), hier aber in der von vie­len Rei­sen­den fre­quen­tier­ten Thea­ter­stra­ße Yoko­ha­mas als Spek­ta­kel auf­ge­führt wird.42 Die Dar­stel­lung lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass es sich um ein Ereig­nis für unte­re Volks­schich­ten han­delt, bei dem auch die Kämp­fe­rin­nen unte­ren Volks­schich­ten ange­hö­ren: Als Zuschau­er wer­den genannt: »Men­schen­mas­se«, »Leu­te«, »Kuli­men­ge« (es wird nicht deut­lich, ob auch Frau­en unter den Zuschau­ern anwe­send sind), als Aus­tra­gen­de: »klei­ne, nack­te, fet­te Frau­en«, »nack­te Kämp­fe­rin­nen«, »Weib­lein«. Etwas Mys­te­riö­ses, Geheim­nis­vol­les, wie bei den kämp­fen­den »Damen« in Kyo­to gibt es hier nicht; nichts muss erst ent­hüllt wer­den, alles ist den Bli­cken dar­ge­bo­ten, alles ist zu sehen, – kein Wun­dern, kein Stau­nen. Das Kampf­ge­sche­hen als nack­tes, kör­per­li­ches Gesche­hen, der Schau­lust dar­ge­bo­ten, steht im Mit­tel­punkt:

Das schwit­zen­de Fett auf jedem Kämp­fe­rin­nen­ge­sicht und auf den Leib­mus­keln wur­de von den rin­gen­den Fäus­ten umpackt. Aber das Fett ent­glitt, und man hör­te fort­wäh­rend, wie im Takt, / Das hoh­le Schla­gen von Hand­flä­chen auf Rücken, Schen­kel, Magen und von nack­ter Soh­le den klat­schen­den Schritt. / Bis end­lich eine unge­dul­dig, mit tie­fem Bücken den Kopf unter­tau­chend und zum Zusto­ßen brau­chend, die and­re umwarf auf den Rücken / Und bei­de sich am Boden wälz­ten, ähn­lich zwei wei­ßen Fett­stü­cken, dabei vor Wut rau­chend und wie Kat­zen pfau­chend (ebd., 414f.).

Die Sound­s­cape ist kon­kret kör­per­lich und ono­ma­to­poe­tisch gestal­tet: der Rei­se­schrei­ber hört hoh­les Schla­gen, klat­schen­de Schrit­te. Auch hier hört er tie­ri­sche Lau­te (»wie Kat­zen pfau­chend«), wor­in sich gän­gi­ge ras­sis­ti­sche Topoi aus der Beschrei­bung ande­rer Kul­tu­ren mit west­li­chen miso­gy­nen Tier­ana­lo­gien mischen. Als Kampf- und Kör­per­tech­ni­ken wer­den benannt: umpa­cken, schla­gen, bücken, unter­tau­chen, zusto­ßen, umwer­fen, wäl­zen. Auf­fal­lend sind in der Dar­stel­lung vor allem die Ver­fah­ren zur Her­stel­lung der Augen­schein­lich­keit, der evi­den­tia: Die weib­li­chen Kör­per sind den grenz­über­schrei­ten­den Bli­cken nicht nur der ›Men­schen­mas­se‹ aus­ge­setzt, son­dern nicht zuletzt auch denen des Rei­se­schrei­bers und der Lesen­den, indem die Kör­per auch hier wie­der frag­men­tiert und in Details zer­legt wer­den: ›Fett, Leib­mus­keln, Fäus­te, Hand­flä­chen, Rücken, Schen­kel, Mägen, Soh­len, Kopf, (Kämpferinnen-)Gesichter‹.43 Zwei Ele­men­te sind in die­ser Beschrei­bung sehr domi­nant, das Fett und der Schweiß. Die Kämp­fe­rin­nen wer­den in der Beschrei­bung durch die Set­zung von Ver­gleichs­par­ti­keln zu Kör­pern, die jeg­li­cher Sub­jekt­haf­tig­keit ent­ho­ben sind: »ähn­lich zwei wei­ßen Fett­stü­cken«, spä­ter heißt es »gleich Bäl­len aus Men­schen­fleisch«. Die kör­per­li­che Stär­ke der, auch was den Kör­per­um­fang betrifft, gewich­ti­gen männ­li­chen sumōto­ri und der berühm­ten und gefähr­li­chen ›Star­ken Frau­en‹ ist offen­bar etwas ande­res als das, was das »Fett« der rin­gen­den Japa­ne­rin­nen anzeigt, die deut­lich den unte­ren Klas­sen ange­hö­ren und im Kon­text eines Volks­spek­ta­kels »schnau­fend und paar­wei­se« kämp­fen.

Als beson­ders auf­schluss­reich im Kon­text der sozia­len und kul­tu­rel­len Dis­tink­ti­on erweist sich dann die Kör­per­flüs­sig­keit, der Schweiß, und sei­ne sen­so­ri­sche Per­zep­ti­on. Dass Schweiß und die unter­schied­li­chen – vor allem ero­ti­schen – Seman­ti­sie­run­gen von Schweiß Anlass für inter­kul­tu­rel­le Irri­ta­tio­nen geben kön­nen, wur­de erst kürz­lich wie­der deut­lich. Unter dem Titel »Stinkt so schön nach Schweiß. Wie ein deut­scher Bau­markt die asia­ti­sche Welt ver­är­gert« berich­te­te die Wochen­zeit­schrift Die Zeit am 4. April 2019 von einem Wer­be­vi­deo und sei­nen Fol­gen.44 Der japa­ni­sche Autor MORI Ōgai schreibt im Ver­lauf sei­nes Auf­ent­hal­tes in Mün­chen am 15. April 1887 ein Gedicht, das eine zunächst keusch anmu­ten­de Begeg­nung zwi­schen einem Japa­ner und einem deut­schen »Mäd­chen« auf dem Tanz­bo­den beschreibt, und in des­sen 4. Stro­phe es heißt: »Kei­ne Zeit zu ord­nen / das gol­de­ne Haar / zart duf­tend dringt / Schweiß durch das leich­te Gewand / das Stück naht dem Ende / wie schwer doch der Abschied« (Mori 1992, 185). Die sexu­ell auf­ge­la­de­ne Situa­ti­on wird hier u.a.45 in der olfak­to­ri­schen Wahr­neh­mung des Schweiß­duf­tes aus­ge­drückt, der, eher erwünscht als absto­ßend, als Sub­sti­tut für eine ero­ti­sche Ver­bin­dung steht. Auch die Sumo-Kämp­fe­rin­nen in der Rin­ger­bu­de in Yoko­ha­ma schwit­zen, ihr Schweiß ist Teil des Spek­ta­kels und dient der ero­ti­sie­ren­den Unter­hal­tung der Zuschau­er: »Rings­um stand die Kuli­men­ge, dicht Bein an Bein, grin­send wie Mas­ken und Frat­zen. Und mit Wohl­genuß sogen die Män­ner die Schweiß­luft der kämp­fen­den Frau­en ein« (ebd., 415). Die Ein­ver­lei­bung des Geruchs der kämp­fen­den Frau­en durch die ›Kuli‹ ist ähn­lich und doch ganz anders als der Schweiß des tan­zen­den deut­schen »Mäd­chens«, der »zart duf­tend« durch das »leich­te Gewand« in die Nase des japa­ni­schen Stu­den­ten dringt.

Und der Rei­se­schrei­ber? Auch die »Damen« in der Buto­ku­den in Kyo­to haben sich – so schreibt er, »von den erhitz­ten Gesich­tern […] den Schweiß­dampf« abge­wischt (ebd., 358). Von olfak­to­ri­scher Wahr­neh­mung sei­ner­seits ist hier jedoch kei­ne Rede – dies ist umso prä­gnan­ter, als in der gro­ßen Hal­le nicht nur Frau­en inten­siv nagi­na­ta trai­nier­ten, son­dern direkt dane­ben Män­ner jūjutsu. Die unter­schied­li­chen Mar­kie­run­gen der sen­so­ri­schen Wahr­neh­mung die­nen hier wohl ins­be­son­de­re der sozia­len Dis­tink­ti­on: Im Blick sind in die­ser Rin­ger­bu­de in Yoko­ha­ma kei­ne ›bewe­gen­den Kör­per‹ von hohem Stand, auch kei­ne Japa­ne­rin­nen, wie sie den exo­ti­sie­ren­den Ima­gi­na­tio­nen der west­li­chen Betrach­ters ent­spre­chen, son­dern Kämp­fe­rin­nen, die in mehr­fa­cher Hin­sicht kul­tu­rel­le, kör­per­li­che und gen­der-Gren­zen über­schrei­ten:

Ich hör­te die­se pfau­chen­den Weib­lein noch drau­ßen in den Gas­sen, als ich das Zelt ver­las­sen, lan­ge in mei­nen Ohren rumo­ren / Und trug ihren Kampf­ge­ruch unter mei­nem Nasen­bein. Und ich brauch­te viel köl­nisch’ Was­ser auf mein Taschen­tuch, um mich von ihrer Mus­kel-Inbrunst zu befrein (ebd., 415).

Der Hör­ein­druck und der Geruch der weib­li­chen ›bewe­gen­den Kör­per‹ der unte­ren Klas­sen pene­triert die Sin­ne des Rei­se­schrei­bers, und er muss sich auf­wen­dig von die­ser Nähe, die­ser sinn­li­chen Ein­ver­lei­bung befrei­en.

Bil­der und Tex­te stel­len den Betrach­ten­den und Lesen­den Kör­per vor Augen, die sowohl ima­go sind als auch Ima­gi­na­tio­nen und Nar­ra­tio­nen. Eine rück­wär­ti­ge Ver­län­ge­rung zu dem, ›was war‹, ist nicht mög­lich. Was wir sehen und was wir erle­sen, sind Gestal­tun­gen, Bear­bei­tun­gen und Über­for­mun­gen von Bli­cken ande­rer auf ›bewe­gen­de Kör­per‹ Ande­rer. Die­se Bli­cke haben immer schon (kul­tu­rel­le und per­sön­li­che) Bedeu­tung und sind als Wahr­neh­mun­gen, wie Alva Noë schreibt, »not some­thing that hap­pens to us, or in us. [Per­cep­ti­on] is some­thing we do« (Noë 2005, 1).

 

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https://sport.ohtuleht.ee/350798/enne-barutot-hullutas-jaapanlasi-eesti-naine, zuletzt abge­ru­fen am 20.06.19.

 


1 https://www.fscclub.com/history/fame-strong‑e.shtml. Dort wird als Bild­quel­le ange­ge­ben: https://sport.ohtuleht.ee/350798/enne-barutot-hullutas-jaapanlasi-eesti-naine.

2 Zu Anet­te Busch ist sowohl in der deutsch­spra­chi­gen als auch in der japa­ni­schen Sport­ge­schich­te nicht viel bekannt (z.B. Petril­lo 2018; vgl. auch: http://www.historyoffighting.com/the-blog/anette-busch-female-sumo-wrestler sowie https://www.openfit.com/9‑inspiring-strongwomen-of-history). Die weni­gen Quel­len, die über das Inter­net zugäng­lich sind, sind vor­nehm­lich in est­ni­scher Spra­che gehal­ten (https://sport.ohtuleht.ee/350798/enne-barutot-hullutas-jaapanlasi-eesti-naine). Bemer­kens­wert ist, dass der Bei­trag zu Anet­te Busch auf die­ser Sei­te mit dem Hin­weis auf den männ­li­chen est­ni­schen Sumo-Rin­ger Baruto Kai­to (Kai­do Höö­vel­son, 1984-) beginnt, der den zweit­höchs­ten Rang (ōze­ki) im Sumo erreich­te und sich 2013 zurück­zog. Busch begann ihre Kar­rie­re als Sport­le­rin und ging dann nach Russ­land, wo sie als ›Star­ke Frau‹ im Zir­kus auf­trat. Auf ihrer Flucht vor der rus­si­schen Revo­lu­ti­on kam sie nach Chi­na und Japan, wo sie auch als Rin­ge­rin auf­trat. Unter ande­rem unter­nahm sie mit ihrer Kol­le­gin Maria Loo­r­berg eine Tour durch Sibi­ri­en, Chi­na und Japan, auf der sie Show-Kämp­fe und Vor­stel­lun­gen als ›Star­ke Frau­en‹ zeig­ten. Busch, die in ihrem Fach außer­or­dent­lich erfolg­reich war, starb 1969. 1998 erschien ein Roman über ihr Leben in est­ni­scher Spra­che (Ehin 1998).

3 Erst im Jahr 1873 (Mei­ji 6) wur­den der Gre­go­ria­ni­sche Kalen­der und die west­li­che Zeit­ord­nung in Japan ein­ge­führt.

4 Zu die­ser Ent­wick­lung am Bei­spiel des moder­nen Judo vgl. Nie­haus 20193, 263–268.

5 Der Begriff ›Früh­mo­der­ne‹ ver­weist in der Regel auf die 2. Hälf­te der Edo-Peri­ode (1600–1867).

6 Vgl. Cuy­ler 1985, 90 sowie Pau­ly 2008, 18f. An die­ser Rei­hung spre­chen­der Namen hät­te wohl auch Goe­the sei­ne Freu­de gehabt; sie­he Schmiedt 2019, 107f., der in sei­ner ›Pro­fes­so­ren­no­vel­le‹ auf Goe­thes frag­men­ta­ri­sches ›mikro­kos­mi­sches Dra­ma‹ Hans­wursts Hoch­zeit ein­geht (Goe­the [1775] 1921).

7 In der Yomi­uri Shim­bun (14.11.1890) wird die­se Klei­dung als knie­lan­ge Unter­ho­se (han­mo­mo­hi­ki) und fleisch­far­be­nes Tri­kot (niku­ju­ban) beschrie­ben; vgl. Ikkai 2013, 49. Pau­ly (2008) spricht hier von sar­uma­ta; vgl. ebd. 20.

8 Die­se sind stark ›inter­tex­tu­ell geprägt‹, man könn­te auch sagen, dass sie recht getreu eine – est­ni­sche – Quel­le repro­du­zie­ren.

9 https://www.fscclub.com/history/fame-strong‑e.shtml. Der Text auf die­ser Web­site ist eine Über­set­zung der est­ni­schen Site: https://sport.ohtuleht.ee/350798/enne-barutot-hullutas-jaapanlasi-eesti-naine).

10 Für das japa­ni­sche Sumo in der frü­hen Shō­wa-Peri­ode (1926–1989) argu­men­tiert Ikkai Chie, dass das Auf­tre­ten und die kör­per­li­che Erschei­nung der Sumo-Rin­ge­rin­nen dem domi­nie­ren­den Bild der Frau in Japan deut­lich wider­sprach und ord­net Frau­en-Sumo dem zeit­ge­nös­si­schen hen­tai-(»Anomalie«-)Trend zu. So zitiert Ikkai aus dem Arti­kel »Aus dem Leben heu­ti­ger Markt­schrei­er – Frau­en-Sumo« (Gen­dai kōgu­shi sei­katsu no uchi – onna zumō) in der Zeit­schrift Guro­tesuku (Janu­ar 1930) in dem der (männ­li­che) Autor, Matsu­ura Sen­sab­urō (1905–1982), behaup­tet, er habe wäh­rend einer Sumo-Ver­an­stal­tung erst durch das Tan­zen und Sin­gen rea­li­siert, dass die Rin­ger tat­säch­lich Frau­en waren. Er kann sei­ne Irri­ta­ti­on kaum ver­ber­gen und betont, dass rin­gen­de Frau­en (ent­ge­gen der all­ge­mei­nen Erwar­tung) durch­aus »repro­duk­ti­ons­fä­hig« sei­en (onna sumō dat­te, kodo­mo wa deki­ma­su yo), auch wenn die­se ver­hält­nis­mä­ßig wenig Inter­es­se an Män­nern hät­ten (vgl. Ikkai 2013, 55–56). Die Legi­ti­mie­rung der Rin­ge­rin­nen als ›Frau‹ inner­halb der nor­ma­tiv hete­ro­se­xu­el­len Gesell­schaft der frü­hen Shō­wa-Zeit erscheint umso pro­ble­ma­ti­scher, als, so Matsu­ura, eine all­ge­mei­ne Weis­heit sage, dass Rin­ge­rin­nen schwach wer­den, wenn die­se eine Bezie­hung zu einem Mann haben (vgl. ebd., 56). Frau­en-Sumo im Kon­text der 1920er Jah­re wur­de 2018 auch in dem Film Kiku to giro­chin (Chry­san­the­me und Guil­lo­ti­ne) des Regis­seurs Zeze Taka­hi­sa ver­ar­bei­tet.

11 Abbil­dun­gen fin­den sich u.a. bei Bick­ford 1994, 53; 145. In der deutsch­spra­chi­gen Rei­se­li­te­ra­tur aus dem 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert fin­den sich zahl­rei­che Ver­wei­se auf die als gering emp­fun­de­ne Kör­per­grö­ße japa­ni­scher Män­ner. So ist z.B. in einem Text von Max Dau­then­dey von 1910 die Rede von »Männ­lein« und »Zwer­gen«. Wei­ter heißt es: »Neben die­sen ers­ten win­zi­gen Men­schen, die ich von Japan sah, / Schie­nen wir Euro­pä­er wie vier­kan­ti­ge Rie­sen.« (Dau­then­dey 1910, 293).

12 Gera­de auf dem Lan­de aber besa­ßen Frau­en­ring­kämp­fe als Brauch­tum und reli­giö­se Ritua­le eine Tra­di­ti­on, etwa zum Her­bei­kämp­fen oder ‑tan­zen von Regen. Wäh­rend die Frau­en-Sumo-Trup­pen auf dem Land ihre Küns­te weit­ge­hend ohne poli­zei­li­che Ein­grif­fe zei­gen konn­ten, wur­de 1890 der Auf­tritt einer Trup­pe im Ekōin im Tokyo­ter Stadt­teil Ryō­go­ku (auch heu­te noch Hei­mat der pro­fes­sio­nel­len Sumo-Stäl­le und des Sumo-Sta­di­ons) »als mit den guten Sit­ten nicht ver­ein­bar ver­bo­ten« (Pau­ly 2008, 19). Zu Beginn der Meij-Zeit wur­de auch das Sumo der Män­ner (eben­so wie das Besu­chen eines Sumo-Tur­niers) als auf­klä­rungs­feind­lich kri­ti­siert, so etwa in der Zeit­schrift Mei­ro­ku zas­shi der ton­an­ge­ben­den intel­lek­tu­el­len Gesell­schaft Mei­ro­ku­sha (vgl. Mei­ro­ku zas­shi Nr. 68, 1874); dem gegen­über stand das Frau­en-Sumo unter »direk­ter gesetz­li­cher Kon­trol­le« (Ikkai 2013, 46) und Ver­bo­te auf­grund von Unsitt­lich­keit (shūtai) fin­den sich in den ver­schie­de­nen prä­fek­tu­ra­len »Ver­ord­nun­gen zur öffent­li­chen Moral« (Ishi­ki kaii jōrei) ab 1872 (sie­he auch Ikkai 2013, 46–48). Das Sumo der Män­ner soll­te erst rund 1883 erneut popu­lär wer­den (vgl. Yum­o­to 1998, 284).

13 So etwa Jose­phi­ne Blatt (Miner­va, 1869–1923), Kate Roberts (Vul­ca­na, 1874–1946), Lave­rie Val­lee (Char­mi­on, 1875–1949), Kat­ie Brum­bach (Sand­wi­na, 1884–1952) oder Anet­te Buschs Rei­se­ge­fähr­tin durch Asi­en: Maria Loo­r­berg (1881–1922).

14 Sie­he hier­zu etwa Ikkai 2013, 51f., sowie Yomi­uri Shim­bun 22.3.1926 (Abend­aus­ga­be) und Tōkyō Asahi Shim­bun 18.3.1926 (Abend­aus­ga­be).

15 Bild­quel­le: http://www.ra.ee/fotis/index.php/et/photo/view?id=108227. Mit Dank an die Natio­nal Archi­ves of Esto­nia; »Aut­hor spe­ci­fi­ca­ti­on: G. Kris­t­jan­son«.

16 Bild­quel­le: Pri­vat­be­sitz.

17 Es ist eine Form von Gespräch, und das vor­läu­fi­ge Ergeb­nis die­ses Gesprächs liegt hier vor, wobei die dis­zi­pli­nä­ren Stim­men nicht an jeder Stel­le zu unter­schei­den sind. Ver­sucht wur­de immer­hin, gän­gi­ge Pro­ble­me des inter­dis­zi­pli­nä­ren Arbei­tens zu ver­mei­den (zu ähnlich/zu fremd; Vereinfachungen/Verfälschungen; Missverständnisse/Selbstüberschätzungen; vgl. Voll­mer 20132, 61). Es geht uns im Fol­gen­den nicht um eine par­ti­el­le Auf­lö­sung der Gren­zen der Dis­zi­pli­nen oder um eine Addi­ti­on dis­zi­pli­nä­rer ›Nice to Knows‹, son­dern um not­wen­di­ge Sät­ti­gung und Wei­te­rung der dis­zi­pli­nä­ren Per­spek­ti­ven (v.a. im Bereich des Wis­sens) sowie um die Ein­ord­nung der Bli­cke der jeweils ›Ande­ren‹ (auch der ande­ren Dis­zi­plin). Als eine gelun­ge­ne inter­dis­zi­pli­nä­re Arbeit bezeich­net Ger­hard Voll­mer die des Kul­tur­anthro­po­lo­gen Mar­vin Har­ris. Die­ser habe – aller­dings in Per­so­nal­uni­on – viel­leicht das Rät­sel gelöst, wes­halb Juden und Mus­lims kein Schwei­ne­fleisch essen: Es sei auf öko­lo­gi­sche Grün­de zurück­zu­füh­ren und, auf den Punkt gebracht, des­halb der Fall, »weil Schwei­ne nicht schwit­zen kön­nen!« [Herv. i.O.] (Voll­mer 20132, 54). Die Ver­fas­se­rin und der Ver­fas­ser die­ses Bei­trags kön­nen nicht dar­auf hof­fen, zu ähn­lich spek­ta­ku­lä­ren Ergeb­nis­sen zu kom­men. Zu ›Grund­satz­fra­gen der Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät‹ vgl. Jun­gert 20132, 1–12.

18 Auch aus­ge­feil­te Recht­fer­ti­gungs­stra­te­gien waren erfor­der­lich. Isa­bel­la Bird, die u.a. Aus­tra­li­en, die USA, Japan, Chi­na, Viet­nam und Hawaii, nicht sel­ten zu Pferd, bereis­te, gab an, dass das Rei­sen für ihre – de fac­to – labi­le Gesund­heit erfor­der­lich war (vgl. Ander­son 2006, 82f., auch Bird 2000 [1880], ix). Dies ist umso inter­es­san­ter, als Pole­mi­ken gegen weib­li­ches Rei­sen häu­fig auf die ›man­gel­haf­te‹ kör­per­li­che (und see­li­sche) Kon­sti­tu­ti­on von Frau­en ver­wie­sen (vgl. Stamm, 2018, 179).

19 Bird bezeich­net sich selbst als »the first Euro­pean lady who had been seen in several districts« (ebd., xix). Den­noch ging es wohl nicht nur Isa­bel­la Bird so, wie man ihrem 11. Rei­se­brief ent­neh­men kann: »Lady Par­kes, on a side-sadd­le and in a riding-habit, has been taken for a man till the peop­le saw her hair, and a young friend of mine, who is very pret­ty and has a beau­ti­ful com­ple­xi­on, when tra­vel­ling late­ly with her hus­band, was sup­po­sed to be a man who had shaven off his beard« (ebd. [24. Juni 1878], 89).

20 Bird hin­wie­der­um, als eine erfah­re­ne bri­ti­sche Rei­sen­de, reagiert auf die­se Form von Gen­der-Irri­ta­tio­nen mit rou­ti­nier­ter Gelas­sen­heit und im unan­ge­foch­te­nen Bewusst­sein ihrer kul­tu­rel­len Über­le­gen­heit. Die Fra­ge »awo­ke my sym­pa­thy at once« (ebd. [1880], 146). Wenn wir im Wei­te­ren auf Wahr­neh­mungs­ein­drü­cke ein­ge­hen, die in (nach Gat­tungs­kon­ven­tio­nen und ästhe­ti­schen Erwä­gun­gen viel­fach bear­bei­te­ten) Rei­se­tex­ten ver­mit­telt sind, dann muss betont wer­den, dass die­se in einem nicht zu klä­ren­den Ver­hält­nis zu denen der empi­risch Rei­sen­den ste­hen, wes­halb im Fol­gen­den – v.a. im Text Max Dau­then­deys – von den Wahr­neh­mun­gen der ›Rei­se­schrei­ben­den‹ (als media­le Figu­ren; vgl. Opitz 1997) die Rede sein wird.

21 Vgl. z.B. Fuku­za­wa 1971, 135, 140 oder Beas­ley 1995, 77; auch Mori 1992.

22 Vgl. all­ge­mein zu den ›Wahr­neh­mun­gen frem­der Kör­per‹ Ger­nig 2001. Nicht zuletzt sind die sen­so­ri­schen Per­zep­tio­nen der Rei­sen­den auch von den eige­nen Befind­lich­kei­ten und leib­lich-kör­per­li­chen Erfah­run­gen in der unver­trau­ten Umge­bung geprägt; vgl. dazu Maruo-Schrö­de­r/­Schaf­fers i. Vorb.

23 Der Kimo­no wur­de im Ver­lau­fe des Japo­nis­mus inner­halb der euro­päi­schen Kunst dann mehr und mehr als eine Art Negli­gé ima­gi­niert, dies jedoch v.a., wenn er von euro­päi­schen Frau­en getra­gen wur­de; vgl. Schaf­fers 2006, 114–120.

24 Zu den Dis­zi­pli­nie­run­gen der Kör­per und Kör­per­tech­ni­ken von Frau­en im spä­ten 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert im deutsch­spra­chi­gen Bereich vgl. Schrott 2005.

25 Die Rei­se gehör­te zu den soge­nann­ten ›Cook­par­ties‹ und war eine Ost­asi­en-Gesell­schafts­rei­se der Agen­tur Tho­mas Cook. Zu Dau­then­deys japan­be­zo­ge­nem Werk vgl. Schaf­fers 2006, 149.

26 Vgl. dazu auch Maruo-Schö­de­r/­Schaf­fers i. Vorb.

27 Der Stand der Samu­rai wur­de in Japan bereits 1876 abge­schafft. Die Bezeich­nung kann hier eher als Mar­kie­rung ›der Japaner(innen)‹ als Krieger(innen) sowie u.U. als ein Ver­weis auf einen höhe­ren Stand gewer­tet wer­den.

28 Die bei Dau­then­dey zu fin­den­de ste­reo­ty­pi­sie­ren­de Vor­stel­lung einer Klas­sen­phy­sio­gno­mie fin­det sich natür­lich auch bei japa­ni­schen Rei­sen­den, sowohl beim Blick auf ihre eige­nen Lands­leu­te als auch beim Blick auf den west­li­chen Ande­ren: »Fürst Konoe ist von recht fül­li­gem Kör­per­bau und in sei­ner Sprech­wei­se aus­ge­spro­chen leb­haft. Man kann es kaum glau­ben, daß er aus einer ade­li­gen Fami­lie kommt« (Mori 1992, 141); und so über­rascht es Mori auch nicht, dass der Fürst kör­per­li­chen Betä­ti­gun­gen wie einem Ring­kampf und Wett­läu­fen frönt, die sei­nem Stand eigent­lich nicht ange­mes­sen sind (vgl. ebd., 141f.). Auch der euro­päi­sche Adel ist für Mori deut­lich über die Phy­sio­gno­mie zu erken­nen, so schreibt er über den rus­si­schen »Staats­rath von Juse­vo­vitsch«: »Er ist von so zar­ter Sta­tur, wie man sich einen Peters­bur­ger Adli­gen vor­stellt« (ebd., 214, vgl. auch 208f.).

29 Hier kol­li­die­ren u.a. tra­dier­te Topoi der Fremd­stel­lung (Japan als der ›ande­re Stern‹, Tier­ana­lo­gien) mit den Ima­gi­na­tio­nen von Begeh­ren (Brust, Lie­bes­ge­schlecht) und Kampf – man­ches könn­te auch dem (selbst) auf­er­leg­ten Zwang zu Vers­bil­dung, Rhyth­mus und Reim geschul­det sein.

30 So fand etwa am 1. Mai 1906 im Yasuku­ni-Schrein eine Ein­schrei­nungs­ze­re­mo­nie für die Gefal­le­nen des Russ­land­krie­ges statt.

31 Aller­dings nicht nur aus Port Arthur, wie der Text sug­ge­riert, son­dern von ver­schie­de­nen Kriegs­schau­plät­zen wie Muk­den, Yalu und Nans­han. Die Aus­stel­lung umfass­te »281 pie­ces of field artil­le­ry, 178 pie­ces of gar­ri­son artil­le­ry, 1235 swords and lan­ces, 70.000 rif­les, over 2.000 wagons, and a huge hoard of ammu­ni­ti­on« (Fuji­ta­ni 1998, 134f.).

32 »Sei­ne Majes­tät der Kai­ser besich­tigt Kriegs­beu­te« (Sen­ri­hin ten­kan) (1.5.1906, Mor­gen­aus­ga­be, 1); »Ihre Majes­tät die Kai­se­rin besich­tigt Kriegs­beu­te« (Kōgōgū sen­ritsu goran) (3.5.1906, Mor­gen­aus­ga­be, 2). Sie­he zu den Fei­er­lich­kei­ten und der Kriegs­beu­te-Aus­stel­lung, auch im Yasuku­ni-Schrein, zudem die Mor­gen­aus­ga­ben der Asahi Shim­bun vom 30. April (10), 2. Mai (6), 4. Mai (2) und 5. Mai 1906 (2).

33 Wobei auch die Grau­sam­keit des Krie­ges in – manch­mal kru­den – Bil­dern her­auf­be­schwo­ren wird. Die­se Schil­de­rung ist durch­tränkt mit natio­nal­kul­tu­rel­len Ste­reo­ty­pen, die hier jedoch nicht von Belang sind.

34 Vgl. Gan­sel und Ächt­ler, die unter ›Stö­rung‹ »Phä­no­me­ne [fas­sen], die als aus­lö­sen­de Fak­to­ren indi­vi­du­el­len wie gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lungs- bzw. Wand­lungs­pro­zes­sen vor­aus­ge­hen« (Gansel/Ächtler 2013, 13).

35 Wild­ha­gen war vor sei­ner Japan­rei­se Haupt­ge­schäfts­füh­rer der Not­ge­mein­schaft der Deut­schen Wis­sen­schaft und auch anschlie­ßend wie­der für die­se tätig, dies­mal als Refe­rent für For­schungs­sti­pen­di­en. Spä­ter wur­de er dann Vize­prä­si­dent der dar­aus ent­stan­de­nen DFG (1934–36). Obgleich Wild­ha­gen seit 1933 Mit­glied der NSDAP und wohl auch der SA war, führ­ten inter­ne Kon­flik­te zu sei­ner Ent­las­sung (vgl. Grütt­ner 2004, 183).

36 Inter­es­san­ter­wei­se schreibt er: »Juji­tsu heißt in Japan ›Judo‹« (ebd., 121, auch als Bild­un­ter­schrift 144/145: »Judo (Juji­tsu)«. Tat­säch­lich wur­de in den Lehr­plä­nen für Mit­tel­schu­len ab 1925 der Begriff ›jūjutsu‹ ersetzt durch ›jūdō‹ (vgl. Nie­haus 20193, 59).

37 Gera­de in den 1920er Jah­ren, die Irie (1986) als ers­te Pha­se der Faschi­sie­rung der japa­ni­schen Gesell­schaft kenn­zeich­net (vgl. ebd. 35ff.), fin­det sich dann eine Stär­kung mili­tä­ri­scher Gym­nas­tik und mili­tä­ri­scher Übun­gen, die ab 1925 zu einer Abord­nung akti­ver Armee­of­fi­zie­re an Mit­tel­schu­len und einer Tren­nung von mili­tä­ri­scher Gym­nas­tik und Lei­bes­übun­gen füh­ren soll­te. Das Ziel die­ser Stär­kung der mili­tä­ri­schen Aus­bil­dung an Schu­len war, neben der Stei­ge­rung der Wehr­haf­tig­keit, die des Patrio­tis­mus und die Aus­bil­dung von Kampf­geist. So ist Wild­ha­gens Beob­ach­tung sicher­lich zu unter­schrei­ben, wenn er fol­gert: »Ganz offen­sicht­lich ist es das Bestre­ben der Japa­ner, Volks­ge­sund­heit und Wehr­haf­tig­keit durch die kör­per­li­che Ertüch­ti­gung der Frau zu heben« (Wild­ha­gen 1929, 115).

38 In: Wild­ha­gen 1929, 321. Wir dan­ken dem Ber­tels­mann Unter­neh­mens­ar­chiv für die freund­li­che Geneh­mi­gung.

39 Zur dohyō iri-Zere­mo­nie sie­he Cuy­ler 1985, 176–179.

40 Für den Zeit­raum zwi­schen 1923 und 1926 (der ange­nom­me­nen Zeit der Ent­ste­hung des Pho­tos) fin­den sich nur sechs Rin­ger im Rang des Yoko­zu­na. Der hier abge­bil­de­te Rin­ger dürf­te der 28. Yoko­zu­na Ōnis­hi­ki Dai­gorō (1883–1943) sein, der 1918 in den Rang des Yoko­zu­na auf­stieg und sich 1923 zur Ruhe setz­te. Ab 1903 war Ōnis­hi­ki Rin­ger im Ōga­wa beya in Osa­ka und auf Osa­ka ver­weist auch die Sti­cke­rei auf den mawa­shi der Rin­ger.

41 Vgl. Deut­sches Wör­ter­buch von Jacob und Wil­helm Grimm; Lem­ma »spek­ta­kel, m. , in älte­rer spra­che n., schau­spiel, schau­stel­lung, auf­se­hen erre­gen­der vor­fall, dann schimpf, schan­de, zuletzt lärm. im 16. jahrh. aus lat. spec­ta­cu­lum anblick, schau­stück, schau­spiel (zu spec­ta­re, verb.)«. http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&mode= Vernetzung&lemid=GS33799XGS33799.

42 Bezeich­nen­der­wei­se ist das kur­ze Kapi­tel (ebd., 414f.) mit dem Titel »Japa­ni­sche Rin­ger« und nicht etwa ›Japa­ni­sche Rin­ge­rin­nen‹ über­schrie­ben.

43 Bemer­kens­wert ist, dass in die­ser Frag­men­tie­rung der weib­li­chen Kör­per die Brüs­te kei­ne Erwäh­nung fin­den. So wird das eigent­lich Skan­da­lö­se die­ser sport­li­chen Dar­bie­tung im Text schein­bar aus­ge­spart, eigent­lich wird es aber der Ima­gi­na­ti­on der Lesen­den über­ant­wor­tet.

44 Man­gold 2019, auch unter: https://www.zeit.de/2019/15/hornbach-baumarkt-werbekampagne-rassismus-sexismus-asien (zuletzt abge­ru­fen am 29.4.2019).

45 Ver­stärkt wird dies noch durch das unge­ord­ne­te Haar, wel­ches in Japan nicht nur für einen Zustand geis­ti­ger Umnach­tung steht, son­dern eben auch auf den sexu­el­len Akt ver­weist, wie etwa in den fol­gen­den Zei­len des Dich­ters Bon­chō, die in Matsuo Bas­hōs Sar­umi­no zu fin­den sind: »Völ­lig auf­ge­löst / fährt sie mit ihrem Kamm / durchs zer­zaus­te Haar« (Bas­hō 1994, 151).

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