»Habseligkeiten« oder: sollen sich Linguist*innen mit ›Sprachschönheit‹ beschäftigen?
Vorüberlegungen zu einer linguistischen Theorie der ästhetischen Wahrnehmung von Sprache

Hajo Diek­manns­hen­ke

 

Abb. 1: Sprach­ver­lieb­te (http://www.deutscher-sprachrat.de/aktionen/299/die-gewinner/)

1. »Habseligkeiten«

Am 24.10.2004 ver­kün­de­te u.a. Der Spie­gel, dass »Sprach­ex­per­ten […] ›Hab­se­lig­kei­ten‹ zum schöns­ten deut­schen Wort gekürt [haben]. Beim inter­na­tio­na­len Wett­be­werb mach­ten fast 23.000 Men­schen aus 111 Län­dern mit — ›Lie­ben‹ war welt­weit der unan­ge­foch­te­ne Spit­zen­rei­ter, doch die Jury woll­te es anders« (https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wettbewerb-habseligkeiten-ist-schoenstes-deutsches-wort-a-324670.html).

[…] Lexi­ka­lisch gese­hen ver­bin­det das Wort zwei Berei­che unse­res Lebens, die ent­ge­gen­ge­setz­ter nicht sein könn­ten: das höchst welt­li­che Haben, d. h. den irdi­schen Besitz, und das höchs­te und im irdi­schen Leben uner­reich­ba­re Ziel des mensch­li­chen Glücks­stre­bens: die Selig­keit.

Die­se Span­nung ist es, die uns dazu bringt, dem Besit­zer der Hab­se­lig­kei­ten posi­ti­ve Gefüh­le ent­ge­gen­zu­brin­gen, wie sie gemein­hin den Besit­zern von Ver­mö­gen und Reich­tü­mern oder Eigen­tü­mern von Krem­pel, Gerüm­pel und Alt­pa­pier ver­sagt blei­ben.

Und wo sonst der Weg zum spi­ri­tu­el­len Glück, zur Selig­keit also, eher in der Abwen­dung von welt­li­chen Gütern oder doch zumin­dest in der inne­ren Los­lö­sung aus der Abhän­gig­keit von Welt­li­chem gese­hen wird, so fas­sen wir hier die Lie­be zu Din­gen, aller­dings zu den klei­nen, den wert­lo­sen Din­gen auf als Vor­aus­set­zung zum Glück.

Doris Kal­ka – Deutsch­land (http://www.deutscher-sprachrat.de/aktionen/299/die-gewinner/)

Jut­ta Lim­bach, die eine Aus­wahl der Begrün­dun­gen für die jewei­li­ge Wahl des schöns­ten Wor­tes her­aus­ge­ge­ben hat, erläu­tert die Inten­ti­on des Deut­schen Sprach­ra­tes:

Der Deut­sche Sprach­rat hat mit sei­nem Wett­be­werb ›Das schöns­te deut­sche Wort‹ sein vor­nehms­tes Ziel, die Auf­merk­sam­keit auf den Reich­tum der deut­schen Spra­che zu len­ken. […] Zum Glück begrif­fen vie­le – vor der deut­schen Gram­ma­tik uner­schro­cke­ne – Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten, dass es uns um die Freu­de an einer wun­der­ba­ren Spra­che ging, und stell­ten eine Fra­ge, die der Deut­sche Sprach­rat bewusst offen gelas­sen hat­te: die Fra­ge nach den Kri­te­ri­en (Lim­bach 2005, 9).

Und sie kommt zu dem Ergeb­nis: »Unser Wett­be­werb hat so viel­fäl­ti­ge und unter­schied­li­che Vor­schlä­ge von kost­ba­ren Wör­tern her­vor­ge­bracht, die viel von der Schön­heit und dem Reich­tum sowohl unse­rer Spra­che als auch unse­rer Kul­tur erzäh­len« (Lim­bach 2005, 11).

Man mag am Sinn und der Aus­sa­ge­kraft sol­cher ›Wett­be­wer­be‹ zwei­feln, sie zei­gen aber auch, dass Men­schen Sprache(n) nicht allein (und manch­mal auch nicht in ers­ter Linie) nach ihrer Funk­tio­na­li­tät beur­tei­len, son­dern auch anhand einer Viel­zahl ande­rer Kri­te­ri­en. So rief vor kur­zem das US-Rei­se-Por­tal Big 7 Tra­vel sei­ne Leser*innen dazu auf, die ero­tischs­te Spra­che zu küren. Das Ergeb­nis wird über­ra­schen, es ist das neu­see­län­di­sche Eng­lisch, Deutsch lan­det nur auf Platz 46 der Top 50 (https://www.berliner-kurier.de/ratgeber/reise/es-ist-nicht-franzoesisch-die-sprache-mit-dem-hoechsten-sex-appeal-ist—-32458484). Selbst­ver­ständ­lich kennt der Spie­gel (2.10.2012) auch eine Rang­lis­te der belieb­tes­ten bzw. unbe­lieb­tes­ten Dia­lek­te: »Säch­sisch ist der unbe­lieb­tes­te Dia­lekt in Deutsch­land, noch vor Ber­li­ne­risch und Kölsch. Über­ra­schend gut kön­nen die Bun­des­bür­ger dage­gen Baye­risch lei­den — doch die popu­lärs­te Mund­art kommt nicht aus dem Süd­os­ten, wie eine aktu­el­le Umfra­ge zeigt« (https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/dialekte-saechsisch-ist-unbeliebteste-mundart-der-deutschen-a-859108.html). An er­ster Stel­le in die­ser laut Spie­gel reprä­sen­ta­ti­ven Befra­gung ran­giert das Ham­bur­ger (Nord-)Deutsch vor dem Baye­ri­schen (bes­ser: Bai­ri­schen).

Und als in den 1990er Jah­ren in der Medi­en­land­schaft (und an Stamm­ti­schen) der Streit um die Recht­schreib­re­form tob­te und es sogar auf die Titel­sei­te des Spie­gels brach­te, ging es nicht nur um Kos­ten (für neu zu dru­cken­de Schul­bü­cher, For­mu­la­re und vie­les mehr), um Unsinn (statt sich um ande­re, wich­ti­ge­re Din­ge zu küm­mern), son­dern auch um Schön­heit und Häss­lich­keit. Flo­ri­an Kranz (1998) hat in sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung um die Argu­men­te für und wider die Recht­schreib­re­form dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die »meis­ten Leu­te […] ein­fach [sagen; HJD], dass Schiff­fahrt, Bett­tuch und vor allem Zoo­or­ches­ter (hat das eigent­lich schon irgend­je­mand ein­mal gehört oder gar geschrie­ben?) und See­ele­fant schreck­lich aus­sä­hen.« (Kranz 1998, 93) Inwie­fern und ob über­haupt sol­che Argu­men­te für eine Recht­schreib­re­form rele­vant sind, soll hier nicht dis­ku­tiert wer­den.

Kehrt man noch ein­mal zum Wett­be­werb zurück, so zei­gen aus­ge­wähl­te Begrün­dun­gen für die jewei­li­ge Wort­wahl durch die Teilnehmer*innen auf der Sei­te des Deut­schen Sprach­rats (www.deutscher-sprachrat.de) und bei Lim­bach (2005), dass auch (sub­jek­ti­ve) ästhe­ti­sche Aspek­te offen­bar eine Rol­le spie­len.

Ich glau­be, vie­le haben die­sen Wett­be­werb nicht ver­stan­den. Es geht doch nicht dar­um, die schöns­te Sache zu wäh­len, son­dern das schöns­te Wort zu prä­mie­ren.

Kin­der­la­chen ist etwas Wun­der­schö­nes. Aber was für ein beknack­tes Wort! Man stel­le sich jeman­den vor, der kein Wort Deutsch spricht. Jetzt sage man zu ihm in einem etwas lau­te­ren Ton­fall ›Kin­der­la­chen‹.

Ver­schreckt wird er das Wei­te suchen! Auch Lie­be, Glück und Hei­mat sind toll. Die Wör­ter dazu aber eher ein­falls­los und nicht wirk­lich schö­ner als ›Hie­be‹, ›Mücke‹ oder ›Fahr­rad‹. Mein der­zei­ti­ges Lieb­lings­wort ist ›Rha­bar­ber­mar­me­la­de‹. Was für ein Klang!

Und wel­ches Wohl­ge­fühl umfällt mich, wenn ich Sonn­tag mor­gens zu mei­nem Schatz sagen kann: ›Bar­ba­ra, reich mir doch bit­te die Rha­bar­ber­mar­me­la­de.‹ – Der Tag ist geret­tet!

Frank Nie­der­mey­er – Deutsch­land (http://www.deutscher-sprachrat.de/aktionen/299/die-gewinner/)

Ästhe­ti­sche Kri­te­ri­en sind für Sprachbenutzer*innen offen­sicht­lich bedeut­sam. Doch reicht das aus, damit sich Linguist*innen mit Sprach­schön­heit beschäf­ti­gen? Oder soll­te man die Fra­ge bes­ser dahin erwei­tern zu fra­gen, ob ästhe­ti­sche Aspek­te auch Gegen­stand der Lin­gu­is­tik sein kön­nen oder sol­len?

 

2. Eine linguistische Sicht auf ›Sprachschönheit‹ und Ästhetik

Gibt es denn über­haupt ›Sprach­schön­heit‹? Ein ers­ter Zugang zur Beant­wor­tung die­ser Fra­ge besteht im Blick in Wör­ter­bü­cher. Bei Ade­lung fin­det sich kein ent­spre­chen­der Beleg. Das Deut­sche Wör­ter­buch der Brü­der Grimm ver­zeich­net dage­gen ein Lem­ma Sprach­schön­heit: »sprach­schön­heit, f. schön­heit einer spra­che; eine ein­zel­ne schön­heit in einer spra­che. Cam­pe: sie (die phi­lo­so­phi­sche spra­che) giebt ihrer innern wür­de und beschaf­fen­heit nach alle ansprü­che auf poe­ti­sche sprach­schön­hei­ten auf. Her­der bei dem­sel­ben« (DWB, Bd. 16, Sp. 2780).

Neue­re Aus­ga­ben des Duden-Wör­ter­buchs ver­zeich­nen die­se Lem­ma­ta aller­dings nicht mehr. Dar­aus kann man viel­fäl­ti­ge Schlüs­se zie­len. Der nahe­lie­gends­te ist der, dass das Wort heu­te nicht mehr gebräuch­lich ist. Eine mög­li­che Begrün­dung könn­te dar­in lie­gen, dass Sprach­schön­heit eben kein Gegen­stand der Lin­gu­is­tik ist und im All­tag offen­sicht­lich nicht gebraucht wird, auch wenn die viel­fäl­ti­gen Ein­sen­dun­gen zum Wett­be­werb mög­li­cher­wei­se dage­gen spre­chen.

Ein wei­te­rer Blick zurück in die Geschich­te der Beschäf­ti­gung mit deut­scher Spra­che för­dert aller­dings zuta­ge, dass Sprach­schön­heit durch­aus von Inter­es­se gewe­sen ist. In Hans Eggers Dar­stel­lung der Geschich­te der deut­schen Spra­che (Eggers 1986, 245) nennt er als ein Ziel der Sprach­ge­sell­schaf­ten die »Sprach­schön­heit« (mit Bezug auf Hars­dörf­fers Teut­sche Sprach­ar­beit: »Daß man sich zu sol­chem Ende der bes­ten Aus­spra­che im Reden / und der zier­lichs­ten gebun­den = und unge­bun­de­ner Schreib­ar­ten befleis­si­ge« (zit. n. Eggers 1986, 245)). Doch spä­tes­tens mit der Auf­klä­rung ver­schwin­det das Kon­zept der Sprach­schön­heit für eine län­ge­re Zeit aus dem sprach­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs. Spra­che als ästhe­ti­sches Objekt scheint nun aus­schließ­lich im Fokus der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft zu ste­hen. Zwar hat sich die Ger­ma­nis­tik als Wis­sen­schaft von der deut­schen Spra­che und Lite­ra­tur (und ihrer Didak­tik) im uni­ver­si­tä­ren Fächer­ka­non eta­bliert, den­noch scheint es wei­ter­hin einen (mehr oder weni­ger) tie­fen Gra­ben zwi­schen Sprach- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft zu geben, den das gemein­sa­me Dach Ger­ma­nis­tik nur bedingt zu über­brü­cken ver­mag. Erst in der Bewe­gung des Rus­si­schen For­ma­lis­mus fin­den sich wie­der Gedan­ken, die eine Ver­bin­dung zwi­schen Lin­gu­is­tik und ästhe­ti­schen Kon­zep­ten kon­sta­tie­ren. Ein Grund hier­für liegt sicher­lich auch in der Tat­sa­che begrün­det, dass inner­halb des Rus­si­schen For­ma­lis­mus Linguist*innen, Semiotiker*innen und Literaturwissenschaftler*innen (und Schriftsteller*innen) eine gemein­sa­me Theo­rie erar­bei­tet haben.1 Bezeich­nen­der­wei­se spielt in die­sem Zusam­men­hang Roman Jakobson eine gewich­ti­ge Rol­le. In sei­ner Schrift Lin­gu­is­tik und Poe­tik hat Jakobson eine Erwei­te­rung des Bühler’schen Orga­non­mo­dells vor­ge­nom­men, indem er die­ses u.a. um die poe­ti­sche Funk­ti­on ergänzt hat.

Abb. 2: Jakobson 1979, 94

Folgt man sei­ner Auf­fas­sung, so muss einem sprach­li­chen Zei­chen neben den drei bei Büh­ler genann­ten Funk­tio­nen (Aus­druck, Appell und Dar­stel­lung) grund­sätz­lich auch eine poe­ti­sche und damit ästhe­ti­sche Dimen­si­on zuge­schrie­ben wer­den. Ob und wie die­se letzt­lich kom­mu­ni­ka­tiv rele­vant wird, hängt von den jewei­li­gen spe­zi­fi­schen kom­mu­ni­ka­ti­ven Bedin­gun­gen ab.

Was sind denn nun die ›Zie­le‹ der poe­ti­schen Spra­che im Unter­schied zu denen gefühls­haf­ter Äuße­run­gen [die sich auch in der ›prak­ti­schen‹ Spra­che fin­den; HJD]? Jakobsons Erklä­run­gen hier­zu sind von höchst­mög­li­cher Klar­heit. Er räumt ein, daß Dich­tung der gefühls­haf­ten Sprech­wei­se näher ste­he als der ver­stan­des­mä­ßi­gen. In der ers­te­ren sei das ›Ver­hält­nis zwi­schen Klang und Bedeu­tung orga­ni­scher, enger‹ als in der letz­te­ren: der Ver­such, Gefüh­le mit Hil­fe ›pas­sen­der‹ Klang­ver­bin­dun­gen zu über­tra­gen, erfor­dert stär­ke­re Auf­merk­sam­keit gegen­über der Klang­fül­le eines Wor­tes. Hier aber, beharrt Jakobson, hört die Ähn­lich­keit auch auf. In der gefühls­haf­ten Spra­che wird die ›pas­sen­de‹ Klang­ver­bin­dung nicht um ihrer selbst wil­len gewer­tet, son­dern um des­sent­wil­len, was sie über­mit­telt: der Wohl­klang ist ein Hand­lan­ger der Kom­mu­ni­ka­ti­on« (Erlich 1973, 201f.).

Will man trotz die­ses Befun­des am Kon­zept der ›Sprach­schön­heit‹ bzw. der ästhe­ti­schen Dimen­si­on von Spra­che fest­hal­ten, dann wäre als ers­tes der Klang von Sprach­lau­ten zu nen­nen. Infol­ge der inten­si­ven Beschäf­ti­gung mit Poe­sie rückt auch im Rus­si­schen For­ma­lis­mus der Klang in der Theo­rie an eine pro­mi­nen­te Stel­le. Zwar leben wir in einer Welt der Schrift­lich­keit, den­noch ist Spra­che zual­ler­erst Klang. Deut­lich wird das beson­ders, wenn man Spra­chen hört, die man nicht ver­steht.2 Aus Klang wird schließ­lich auch Musik als audi­tive Kunst, die über eine eben­so kom­pli­zier­te Sys­te­ma­tik (und damit über etwas der Gram­ma­tik von Spra­chen Ver­wand­tes) wie Spra­che ver­fügt. Nicht umsonst fin­den sich unter den viel­fäl­ti­gen Sprach­ur­sprungs­mo­del­len auch eini­ge, in denen Klän­ge eine zen­tra­le Rol­le spie­len (vgl. Jesper­sen 1925). Und auch die Urtei­le über die Beliebt­heit von Dia­lek­ten beru­hen auf dem Klang des jewei­li­gen Dia­lekts. Für den Bon­ner Kaba­ret­tis­ten Kon­rad Bei­kir­cher ist Spra­che sogar immer auch Musik (Bei­kir­cher 2004).

Die Beliebt­heit von Hör­bü­chern – und dies gilt nicht nur für lite­ra­ri­sche Hör­bü­cher, denn es wer­den auch Sach­bü­cher als Hör­bü­cher ange­bo­ten und sind über­aus erfolg­reich – unter­stützt eben­falls die The­se, dass der Klang der Stim­me eine gro­ße Rol­le bei der Bewer­tung des Gehör­ten spielt. Ähn­li­ches kann man auch in Bezug auf die Renais­sance des Hör­spiels anneh­men.

 

3. Die Glossolalie des Dadaismus und Kinderverse

Im Dada­is­mus zäh­len Sprach­ex­pe­ri­men­te als Akte der Dekon­struk­ti­on der bestehen­den Sprach­nor­men zu den zen­tra­len Insze­nie­run­gen, wodurch eine neue Form von Sprach-Kunst ent­steht. Stell­ver­tre­tend sei­en hier zwei Klang­ge­dich­te Hugo Balls betrach­tet:

Abb. 3: Hugo Ball: Kara­wa­ne (ent­nom­men aus: Riha/Schäfer 2015: 54f.)

Audio­fi­le 2: Hugo Balls Kara­wa­ne (https://www.youtube.com/watch?v=2vSG-tXZxQc)

»Der fei­er­li­che Vor­trag von Hugo Balls Laut­ge­dicht Kara­wa­ne […] am 23. Juni 1916 im Caba­ret Vol­taire war ein Schlüs­sel­mo­ment des Zür­cher Dada und ein Mus­ter­bei­spiel sei­ner glos­so­la­li­schen Expe­ri­men­te.« (Robert­son 2016, 144)

Abb. 4: Hugo Ball: Gad­ji beri bim­ba (ent­nom­men aus: Riha/Schäfer 2015, 56)

Destruk­ti­on und Neu­kon­struk­ti­on von Spra­che sind Gegen­stand von Balls Expe­ri­men­ten, die zudem im Rah­men künst­le­ri­scher Per­for­man­ces prä­sen­tiert wer­den und Ver­stö­rung bei den Zuhörer*innen und Zuschauer*innen aus­lö­sen sol­len (und sicher auch aus­ge­löst haben). Voll­stän­di­ge Zer­stö­rung der Spra­che ist aller­dings nicht das Ziel.

Doch sol­che Sprach­ex­pe­ri­men­te sind nicht nur Bestand­teil der Lite­ra­tur- und Kunst­ge­schich­te, sie fin­den sich auch in den Sprach­spie­le­rei­en von (klei­nen) Kin­dern, die Spra­che – hier­in den Dada­is­ten nahe­ste­hend – nicht nur als ein Sys­tem von fest­ste­hen­den Regeln ver­ste­hen, son­dern als ein Spiel­feld für eige­ne sprach­li­che Expe­ri­men­te, und die durch­aus als Bei­spie­le für kind­li­che All­tags­äs­the­tik inter­pre­tiert wer­den kön­nen:

Ele mele mink mank
Pink pank
Use buse acka­deia
Eia weia weg

(Rühm­korf 1967,38).

 

4. Poetische und praktische Sprache im Rahmen des Russischen Formalismus

Die zen­tra­le Rol­le des sprach­li­chen Klangs haben auch die Rus­si­schen For­ma­lis­ten betont, wobei sie die­sen als eines der wesent­li­chen Unter­schei­dungs­merk­ma­le zur All­tags­spra­che sahen, ohne aller­dings zu behaup­ten, der Klang spie­le in der All­tags­spra­che kei­ne Bedeu­tung.

Die For­ma­lis­ten bestrit­ten nicht, daß Rhyth­mus oder eine Ten­denz zum Rhyth­mus auch in berich­ten­der Pro­sa [der All­tags­spra­che; HJD] gefun­den wer­den kann. Aber ent­spre­chend ihrer funk­tio­nel­len Lite­ra­tur­auf­fas­sung sahen sie die unter­schei­den­den Merk­ma­le der Vers­spra­che nicht in der blo­ßen Anwe­sen­heit eines Ele­ments – in die­sem Fall einer regel­mä­ßi­gen Anord­nung des Klang­ge­fü­ges – son­dern in des­sen Rang (Erlich 1973, 236).

Man kann eine sol­che Auf­fas­sung mit Beto­nung der jewei­li­gen Funk­tio­na­li­tät durch­aus als einen prag­ma­ti­schen Ansatz zum Ver­ständ­nis ästhe­ti­scher Phä­no­me­ne ver­ste­hen. Dem­entspre­chend fährt Erlich wei­ter fort: »In der ›prak­ti­schen‹ oder der wis­sen­schaft­li­chen Spra­che, so hieß es, ist der Rhyth­mus nur ein sekun­dä­res Phä­no­men, eine phy­sio­lo­gi­sche Selbst­ver­ständ­lich­keit oder ein Neben­pro­dukt der Syn­tax« (ebd.).

Das bedeu­tet zum einen, dass der Rhyth­mus ein inte­gra­ler Bestand­teil von Spra­che ist, jedoch funk­tio­nal unter­schied­lich aus­ge­prägt und bedeut­sam sein kann. Für die Rus­si­schen For­ma­lis­ten ist die (sprach­li­che) Ver­frem­dung des all­täg­lich Gewor­de­nen in der Lite­ra­tur das ent­schei­den­de Ver­fah­ren, um ›Kunst‹ zu gene­rie­ren. Nicht anders ver­fah­ren Men­schen jedoch auch in vie­len All­tags­si­tua­tio­nen, wol­len sie beson­de­re Wir­kung erzie­len:

Wenn wir in einem Anfall von Zärt­lich­keit oder Bos­heit einem Men­schen lie­bend zuspre­chen oder einen Men­schen belei­di­gen wol­len, dann genü­gen uns die ver­schlis­se­nen, abge­nag­ten Wor­te nicht, dann bal­len und zer­bre­chen wir sie, damit sie das Ohr tref­fen, damit man sie sehen kann und sie nicht nur wie­der­erkennt. (Schklow­sky 1914; zit. n. Mier­au 1991, 5)

Die Nut­zung eta­blier­ter sprach­li­cher Mus­ter, d.h. sprach­li­cher Kon­ven­tio­nen, ist eine der zen­tra­len kom­mu­ni­ka­ti­ven Stra­te­gi­en, um Ver­ste­hen inner­halb einer (Sprach-) Gemein­schaft dau­er­haft sicher­zu­stel­len. Sprach­theo­re­tisch könn­te dies als die Ein­hal­tung der soge­nann­ten Grice’schen Maxi­men gese­hen wer­den. Ande­rer­seits fin­den sich nicht nur in der Lite­ra­tur immer wie­der For­men des krea­ti­ven Umgangs mit eben die­sen Mus­tern ein­schließ­lich ihrer Durch­bre­chung; sie sind auch im all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch wie z.B. der Wer­bung oder im Witz zu beob­ach­ten, die als Impli­ka­tu­ren ver­stan­den wer­den kön­nen. In sei­ner Theo­rie des Sprach­wan­dels nimmt Kel­ler (2003) zwei grund­le­gen­de Typen von ›Maxi­men‹ im sprach­li­chen Han­deln von Men­schen an, sta­ti­sche und dyna­mi­sche Maxi­men. Wäh­rend sta­ti­sche Maxi­men den Bestand eines Sprach­sys­tems garan­tie­ren und die Mit­glie­der der Sprach­ge­mein­schaft als (sprach­li­che) Grup­pe kon­sti­tu­ie­ren, tra­gen dyna­mi­sche Maxi­men zum Sprach­wan­del bei. Fol­gen­de Maxi­men sind bei Kel­ler als dyna­misch gekenn­zeich­net:

Rede so, dass du beach­tet wirst.
Rede so, dass du als nicht zur Grup­pe gehö­rig erkenn­bar bist.
Rede amü­sant, wit­zig usw.
Rede beson­ders höf­lich, schmei­chel­haft, char­mant usw. (nut­zen­be­zo­ge­ne Maxi­me)
Rede so, dass es dich nicht unnö­tig Anstren­gung kos­tet. (kos­ten­be­zo­ge­ne Maxi­me)

(Kel­ler 2003, 139f.)

 

5. Linguistik und Ästhetik

Die Lin­gu­is­tik hat sich bis­lang nur ansatz­wei­se mit Kunst und Lite­ra­tur beschäf­tigt. Das ist im Fall der Kunst viel­leicht auf den ers­ten Blick noch nach­voll­zieh­bar, denn bis auf den Titel sind vie­le Kunst­wer­ke ›sprach­frei‹. Lite­ra­tur hin­ge­gen ist Spra­che, wenn auch in einer spe­zi­fi­schen Aus­prä­gung. Begrü­ßens­wer­ter­wei­se lässt sich seit eini­ger Zeit in der Lin­gu­is­tik doch eine Öff­nung auf die Beschäf­ti­gung mit Kunst­kom­mu­ni­ka­ti­on (ver­stan­den als Kom­mu­ni­ka­ti­on in einem Funk­ti­ons­be­reich wie dem der Medi­zin oder des Rechts; vgl. Hau­sen­dorf 2007, Hausendorf/Müller 2016) und Lite­ra­tur in lin­gu­is­ti­scher Per­spek­ti­ve (Betten/Fix/Wanning 2017) beob­ach­ten.

Schön­heit, um noch ein­mal zur Aus­gangs­fra­ge zurück­zu­kom­men, soll nicht als eine einem Objekt inne­woh­nen­de Qua­li­tät ver­stan­den wer­den. Viel­mehr wer­den unter­schied­li­che Objek­te als schön wahr­ge­nom­men. Es geht also um eine (lin­gu­is­ti­sche) Theo­rie der ästhe­ti­schen Wahr­neh­mung. Ähn­li­che Phä­no­me­ne sind z.B. Span­nung und das Komi­sche, die bis­lang eben­falls erst ansatz­wei­se unter­sucht wor­den sind. Bei allen drei Phä­no­me­nen muss unter­schie­den wer­den zwi­schen inten­dier­ter und nicht-inten­dier­ter Schönheit/Spannung/Komik. Eine Ent­schei­dung dar­über, ob etwas als schön, span­nend oder komisch emp­fun­den wird, tref­fen letzt­lich die Rezipient*innen. Ein Son­nen­auf­gang kann als schön, ein Bas­ket­ball­spiel als span­nend, ein Stol­pern als komisch emp­fun­den, d.h. in die­ser Wei­se rezi­piert wer­den, ohne dass eine ent­spre­chen­de Inten­ti­on vor­liegt. Der­sel­be Son­nen­auf­gang, das­sel­be Spiel, das­sel­be Stol­pern kann aber auch als kit­schig, lang­wei­lig oder unge­schickt bewer­tet wer­den. Ande­rer­seits kön­nen Schön­heit, Span­nung und Komik inten­diert sein, z.B. bei einem auf­wän­dig gestal­te­ten Geschenk, einem Kri­mi oder einem Witz, was aber nicht garan­tiert, dass eine ent­spre­chen­de Wir­kung auch ein­tritt. Als inten­dier­tes kom­mu­ni­ka­ti­ves und spe­zi­ell als sprach­li­ches Han­deln zie­len ent­spre­chen­de Ange­bo­te auf eine sol­che Per­lo­ku­ti­on, ohne aber die­se garan­tie­ren zu kön­nen. Ver­steht man also sol­che Phä­no­me­ne als mög­li­che Ele­men­te kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns, so hat dies Aus­wir­kun­gen auf das Ver­ständ­nis von ästhe­ti­schen Objek­ten, das dem­entspre­chend nicht nur auf den Bereich der Kunst beschränkt wer­den kann, auch wenn eine sol­che Auf­fas­sung noch immer weit ver­brei­tet ist.

»Ich möch­te Ästhe­tik gene­rel­ler als Ais­the­tik ver­ste­hen: als The­ma­ti­sie­rung von Wahr­neh­mun­gen aller Art, sin­nen­haf­ten eben­so wie geis­ti­gen, all­täg­li­chen wie sub­li­men, lebens­welt­li­chen wie künst­le­ri­schen« (Welsch 1991, 9f.). Welsch pro­kla­miert damit eine »Ästhe­tik außer­halb der Ästhe­tik« (Welsch 1996a), um die Gren­zen der tra­di­tio­nel­len Ästhe­tik über die Betrach­tung der Kunst hin­aus zu ver­schie­ben. Damit wird nicht die Betrach­tung von Kunst als Gegen­stand der Ästhe­tik über­flüs­sig, son­dern es fin­det eine Aus­wei­tung des ästhe­ti­schen Fel­des statt.

Das Wahr­neh­mungs­ver­mö­gen des Rezi­pi­en­ten muß daher unter­schied­li­che Wahr­neh­mungs­for­men [auch außer­halb des engen Kunst­be­griffs; HJD] abtas­ten und deren spe­zi­fi­sche, vom Werk ange­reg­te Kon­stel­la­ti­on her­aus­fin­den. Dabei zeich­net sich ästhe­ti­sche Erfah­rung ins­ge­samt durch eine Kom­ple­xi­on von Anschau­ung, Ima­gi­na­ti­on und Refle­xi­on aus. Schon die Anschau­ung ist ja nicht ein­fach­hin kon­sta­tie­rend, son­dern pro­zes­su­al und refle­xiv. (Welsch 1996b, 170f.)

Schlägt man wie­der den Bogen zurück zum Rus­si­schen For­ma­lis­mus, so setzt ein sol­ches Ver­ständ­nis von Ästhe­tik die Kennt­nis der »eta­blier­ten Codes« (Welsch 1996b, 170), d.h. der ent­spre­chen­den (künst­le­ri­schen) Ver­fah­ren, vor­aus. Auf Spra­che all­ge­mein bezo­gen bedeu­tet dies, dass eine Kennt­nis der jewei­li­gen sprach­li­chen Codes Vor­aus­set­zung für die Inter­pre­ta­ti­on eines sprach­li­chen Gegen­stands als eines ästhe­ti­schen ist. Das Ästhe­ti­sche besteht dann mög­li­cher­wei­se nicht in einem Gegen­stand an sich, son­dern in der Wahr­neh­mung der Ver­frem­dung des Bis­he­ri­gen durch den aktu­el­len Gebrauch.

Ver­steht man Schön­heit, Span­nung und Komik als Ergeb­nis­se einer spe­zi­fi­schen Wahrnehmung/Rezeption, so ist es nahe­lie­gend, wie bereits ange­deu­tet, eine lin­gu­is­ti­sche Theo­rie der ästhe­ti­schen Wahr­neh­mung anhand der Über­le­gun­gen von Gri­ce zu model­lie­ren. Diekmannshenke/Reif haben in ihrer Theo­rie des Komi­schen gezeigt, dass das Komi­sche auf einem dop­pel­ten Impli­ka­tur­ver­fah­ren beruht, bei dem die Aus­beu­tung der Maxi­me der Moda­li­tät eine zen­tra­le Rol­le spielt. Da Ent­spre­chen­des hin­sicht­lich der Maxi­me der Moda­li­tät auch für das Phä­no­men der Span­nung ange­nom­men wer­den kann (Lau 2019), ist es nahe­lie­gend, dass der Maxi­me der Moda­li­tät ein ähn­li­cher Sta­tus auch inner­halb einer Theo­rie der ästhe­ti­schen Wahr­neh­mung zukom­men könn­te.

Des­halb soll als Aus­gangs­punkt der Pro­zess der Wahr­neh­mung des Komi­schen, das durch­aus als eine spe­zi­fi­sche Aus­prä­gung des Ästhe­ti­schen ver­stan­den wer­den kann, in einem Pro­zess des dop­pel­ten Impli­ka­tur­ver­fah­rens betrach­tet wer­den:

Der/die Rezipient*in nimmt das Humo­ran­ge­bot als sol­ches wahr.
Die Äuße­rung wird als indi­rek­te wahr­ge­nom­men und muss ent­spre­chend inter­pre­tiert wer­den.
Eine Inkon­gru­enz ver­hin­dert eine kohä­ren­te Inter­pre­ta­ti­on und trig­gert eine Impli­ka­tur.
Das Komik­an­ge­bot wird rein­ter­pre­tiert, aller­dings wird auch hier­bei ein Maxi­men­ver­stoß kon­sta­tiert.
Der/die Produzent*in hat offen­sicht­lich gegen die Maxi­me der Moda­li­tät ver­sto­ßen, damit der Rezi­pi­ent zunächst der ers­ten Inter­pre­ta­ti­on folgt, die zwei­te nach Erken­nen der Inkon­gru­enz voll­zieht, wel­che jedoch auch nur zu einer Schein­auf­lö­sung der Inkon­gru­enz führt.
Bei­de Inter­pre­ta­tio­nen müs­sen wahr­ge­nom­men und als gül­tig betrach­tet wer­den.
Der/die Rezipient*in distan­ziert sich von bei­den Inter­pre­ta­tio­nen und erkennt, dass bewusst von Produzent*innenseite auf einer höhe­ren Abs­trak­ti­ons­ebe­ne die Maxi­me der Moda­li­tät ver­letzt wur­de, um Komik zu erzeu­gen.
Eine drit­te Inter­pre­ta­ti­on muss des­we­gen nicht mehr erfol­gen (Diekmannshenke/Reif 2009, 141f.).

Folgt man die­sen Über­le­gun­gen, so bie­tet sich eine Über­tra­gung oder bes­ser eine Aus­wei­tung auf die ästhe­ti­sche Wahr­neh­mung gene­rell an. Eben­so eröff­net das den Blick auf ästhe­ti­sche Gegen­stän­de als spe­zi­fi­sche Stil­phä­no­me­ne: »Indem wir uns nach und nach vom Wohl­klang zur Seman­tik, von der ›äuße­ren Form‹ zur ›inne­ren Form‹ hin beweg­ten, haben wir fast unbe­merkt den Bereich betre­ten, den man für gewöhn­lich der Sti­lis­tik zuschreibt« (Erlich 1973, 256). Schluss­end­lich lässt sich für den Rus­si­schen For­ma­lis­mus das Bestre­ben kon­sta­tie­ren, »die Poe­tik zu einem Bestand­teil der Semio­tik zu machen« (Erlich 1973, 312). For­mu­liert Erlich dies in Bezug auf ein ver­än­der­tes, struk­tu­ra­lis­ti­sches Ver­ständ­nis von Lite­ra­tur, so kann im Umkehr­schluss aus dem Befund, dass Spra­che ins­ge­samt aus einer semio­ti­schen Per­spek­ti­ve zu betrach­ten ist, gefol­gert wer­den, dass Lite­ra­tur nichts der All­tags­spra­che und ihren Gesprä­chen und Tex­ten Ent­ge­gen­ge­set­zes ist, son­dern eine spe­zi­fi­sche Gebrauchs­wei­se, die einer­seits durch Abwei­chun­gen von der All­tags­spra­che geprägt wird, ande­rer­seits selbst eige­nen Struk­tur­prin­zi­pen gehorcht, die erst ein­mal eta­bliert, dann jedoch wie­der ver­frem­det wer­den.

Abb. 5: Bank­sy: Graf­fi­ti Remo­val (Bank­sy 2006, 64)

Das Graf­fi­to von Bank­sy soll die oben for­mu­lier­ten Über­le­gun­gen unter­stüt­zen. Der Schrift­zug kann als ästhe­ti­sches Objekt wahr­ge­nom­men wer­den, sofern die Rezipient*innen im Wahr­neh­mungs­pro­zess bestimm­te Vor­aus­set­zun­gen akti­vie­ren. Der Schrift­zug muss als kon­sti­tu­ti­ver Teil des Graf­fi­tos inter­pre­tiert wer­den, nicht als von ihm Unab­hän­gi­ges. Damit wird der ästhe­ti­sche Anspruch durch die Rezipient*innen bestä­tigt, indem das gesam­te Kom­mu­ni­kat als offen­sicht­lich erkenn­ba­re Aus­beu­tung der Maxi­me der Moda­li­tät gedeu­tet wird. Das damit ver­bun­de­ne Schluss­ver­fah­ren muss die Eigen­ge­setz­mä­ßig­keit von Graf­fi­ti bzw. Street Art ken­nen, um eben nicht die (teil­wei­se über­sprüh­te) Tele­fon­num­mer anzu­ru­fen, wobei aller­dings zu berück­sich­ti­gen ist, dass Bank­sy eine sol­che Hand­lung zwei­fel­los als Mög­lich­keit des Umgangs mit sei­nem Werk sieht.

 

6. Noch einmal: »Habseligkeiten«

Es soll­te der Ver­such unter­nom­men wer­den zu zei­gen, dass mit dem Instru­men­ta­ri­um der lin­gu­is­ti­schen Prag­ma­tik eine Theo­rie der ästhe­ti­schen Wahr­neh­mung von Spra­che model­liert wer­den kann, im Sin­ne einer Ais­the­sis und einer Ästhe­tik außer­halb der Ästhe­tik (vgl. Welsch 1991, 1996). Was im Rus­si­schen For­ma­lis­mus als Ver­fah­ren der Ver­frem­dung zur Durch­bre­chung erstarr­ter künst­le­ri­scher Ver­fah­ren beschrie­ben wird, kann eben­so als ein all­tags­sprach­li­ches Han­deln ver­stan­den wer­den kann, wobei der Unter­schied nicht im Ver­fah­ren selbst, son­dern im jewei­li­gen spe­zi­fi­schen Gel­tungs­mo­dus (All­tag vs. ›Kunst‹) liegt, wobei der Anspruch auf ›Kunst‹ durch­aus und immer wie­der bestrit­ten oder infra­ge gestellt wer­den kann und wird – »Ist das Kunst oder kann das weg?«

Abb. 6: Ist das Kunst oder kann das weg?        
(https://www.facebook.com/istdaskunstoderkanndasweg.org,
zuletzt abge­ru­fen am 16.6.2019)

Sol­che Grenz­über­schrei­tun­gen fin­den sich bei Bank­sy, bei dem auch im Sin­ne der For­de­run­gen von Welsch der Rea­li­täts­be­zug unab­ding­bar ist, aber z.B. auch bei Beuys, bei dem sich bei ein­zel­nen (und auch sprach­li­chen) Objek­ten die Fra­ge stellt, ob es sich um Kunst oder All­täg­li­ches han­delt, das als Kunst wahr­ge­nom­men wird. Als wei­te­rer Akt der Ver­frem­dung kann ange­se­hen wer­den, dass die abge­bil­de­te Befra­gung von Gäs­ten von Beuys als Post­kar­te ver­wen­det wur­de.

Abb. 7: Joseph Beuys: Wohl­be­fin­den (ent­nom­men aus Gold/Baumann/Hensch 1998, 85)

Mög­li­cher­wei­se bleibt das oben skiz­zier­te Impli­ka­tur­ver­fah­ren in sol­chen Fäl­len offen, denn das Gemein­te muss nicht unbe­dingt ver­stan­den wer­den. Und wie bereits mehr­mals erwähnt, gilt das letzt­lich auch für sprach­li­che All­tags­äu­ße­run­gen, sofern sie ent­we­der von den Produzent*innen oder/und von den Rezipient*innen als ästhe­tisch pro­kla­miert bzw. inter­pre­tiert wer­den. In den letz­ten Jah­ren ist ein sol­cher Schritt über die bis­he­ri­gen Gren­zen der tra­di­tio­nel­len Lin­gu­is­tik eini­ge Male gewagt wor­den. Es soll­ten bald wei­te­re fol­gen.

 

Literatur und sonstige Medien

Bank­sy 2006: Wall and Pie­ce, Lon­don: Cen­tu­ry.

Bei­kir­cher, Kon­rad 2004: NEENEENEE. Live.

Bet­ten, Anne/Fix, Ulla/Wanning, Ber­be­li (Hg.) 2017: Hand­buch Spra­che in der Lite­ra­tur. Berlin/Boston: De Gru­y­ter.

Diek­manns­hen­ke, Hajo/Reif, Moni­ka 2010: Humor: Seman­tik oder Prag­ma­tik? In: Inge Pohl (Hg.): Seman­ti­sche Unbe­stimmt­heit im Lexi­kon. Frank­furt a.M.: Peter Lang, 131–150.

Eggers, Hans 1986: Deut­sche Sprach­ge­schich­te. Bd. 2: Das Früh­neu­hoch­deut­sche und das Neu­hoch­deut­sche. Rein­bek: Rowohlt.

Erlich, Vic­tor 1973: Rus­si­scher For­ma­lis­mus. Frank­furt a.M.: Suhr­kamp.

Gold, Helmut/Baumann, Margret/Hensch, Doris (Hg.) 1998: »wer nicht den­ken will fliegt raus«. Joseph Beuys Post­kar­ten, Samm­lung Neu­haus. Hei­del­berg: Braus.

Hau­sen­dorf, Hei­ko (Hg.) 2007: Vor dem Kunst­werk. Inter­dis­zi­pli­nä­re Aspek­te des Spre­chens und Schrei­bens über Kunst. Mün­chen: Wil­helm Fink.

Hau­sen­dorf, Heiko/Müller, Mar­cus (Hg.) 2016: Hand­buch Spra­che in der Kunst­kom­mu­ni­ka­ti­on. Berlin/Boston: De Gru­y­ter.

Jakobson, Roman 1979: Lin­gu­is­tik und Poe­tik. In: Ders.: Poe­tik. Aus­ge­wähl­te Auf­sät­ze 1921–1971, hrsg. v. Elmar Holenstein/Tarcisius Schel­bert. Frank­furt a.M.: Suhr­kamp, 83–119.

Jesper­sen, Otto 1925: Die Spra­che. Ihre Natur, Ent­wick­lung und Ent­ste­hung. Hei­del­berg: Win­ter [zuerst engl. 1922].

Kel­ler, Rudi 2003: Sprach­wan­del. Von der unsicht­ba­ren Hand in der Spra­che, 3. Aufl. Tübin­gen: Francke.

Kranz, Flo­ri­an 1998: Eine Schiff­fahrt mit drei f. Posi­ti­ves zur Recht­schreib­re­form. Göt­tin­gen: Van­den­hoeck & Ruprecht.

Lau, Josee 2019: Wie erfolgt die Span­nungs­er­zeu­gung in ver­schie­de­nen Medi­en? Eine Ana­ly­se aus­ge­wähl­ter Lite­ra­tur, Hör­bü­cher und Ver­fil­mun­gen von Sebas­ti­an Fit­zek auf lin­gu­is­ti­scher Basis, Mas­ter­ar­beit Uni­ver­si­tät Koblenz-Land­au, Cam­pus Koblenz.

Lim­bach, Jut­ta (Hg.) 2005: »Das schöns­te deut­sche Wort«. Eine Aus­wahl der schöns­ten Lie­bes­er­klä­run­gen an die deut­sche Spra­che. Zusam­men­ge­stellt aus den Ein­sen­dun­gen zum inter­na­tio­na­len Wett­be­werb »Das schöns­te deut­sche Wort«. Mün­chen: Huber.

Mier­au, Fritz (Hg.) 1991: Die Erwe­ckung des Wor­tes. Essays der rus­si­schen For­ma­len Schu­le. Leip­zig: Reclam.

Riha, Karl/Schäfer, Jör­gen (Hg.) 2015: DADA total. Mani­fes­te, Aktio­nen, Tex­te, Bil­der. Stutt­gart: Reclam.

Robert­son, Eric 2016: »Holla­ka hol­la­la anlo­go bung.« Sub­ver­si­ve Glos­so­la­lie im Dada. In: Gene­se Dada. 100 Jah­re Dada Zürich. Eine Aus­stel­lung des Arp Muse­ums Bahn­hof Rolands­eck in Zusam­men­ar­beit mit dem Caba­ret Vol­taire Zürich. Zürich: Schei­deg­ger & Spiess, 143–146.

Rühm­korf, Peter 1967: Über das Volks­ver­mö­gen. Exkur­se in den lite­ra­ri­schen Unter­grund. Rein­bek: Rowohlt.

Soge­nann­tes Links­ra­di­ka­les Blas­or­ches­ter 1981: Mit gel­ben Bir­nen. Mün­chen: Tri­kont.

Welsch, Wolf­gang 1991: Ästhe­ti­sches Den­ken. Stutt­gart: Reclam.

Welsch, Wolf­gang 1996a: Grenz­gän­ge der Ästhe­tik. Stutt­gart: Reclam.

Welsch, Wolf­gang 1996b: Ästhe­tik außer­halb der Ästhe­tik. In: Ders.: Grenz­gän­ge der Ästhe­tik. Stutt­gart: Reclam, 135–177.

 

Online-Quellen

https://www.berliner-kurier.de/ratgeber/reise/es-ist-nicht-franzoesisch-die-sprache-mit-dem-hoechsten-sex-appeal-ist—-32458484, zuletzt abge­ru­fen am 16.06.19.

www.deutscher-sprachrat.de, zuletzt abge­ru­fen am 16.06.19.

http://www.deutscher-sprachrat.de/aktionen/299/die-gewinner/, zuletzt abge­ru­fen am 16.06.19.

https://www.facebook.com/istdaskunstoderkanndasweg.org, zuletzt abge­ru­fen am 16.06.19.

Grimm, Jacob/Grimm, Wil­helm: Deut­sches Wör­ter­buch; online: woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB, zuletzt abge­ru­fen am 16.6.2019.

https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wettbewerb-habseligkeiten-ist-schoenstes-deutsches-wort-a-324670.html, zuletzt abge­ru­fen am 16.06.19

https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/dialekte-saechsisch-ist-unbeliebteste-mundart-der-deutschen-a-859108.html, zuletzt abge­ru­fen am 16.06.19.

https://www.youtube.com/watch?v=2vSG-tXZxQc, zuletzt abge­ru­fen am 16.06.19.

 


 

1 Die Theo­rie des Rus­si­schen For­ma­lis­mus erweist sich bei genaue­rer Betrach­tung nicht als ein geschlos­se­nes Sys­tem, son­dern offen­bart durch­aus unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen hin­sicht­lich der poe­ti­schen und der »prak­ti­schen« Spra­che (Erlich 1973, 200f.).

2 Es darf aber auch nicht über­se­hen wer­den, dass gera­de frem­de Schrift­sys­te­me auch als ästhe­ti­sche Objek­te wahr­ge­nom­men wer­den kön­nen. Wer ein­mal vor dem Fel­sen­dom in Jeru­sa­lem gestan­den hat, wird beim ers­ten Anschau­en die ara­bi­schen Schrift­zei­chen mög­li­cher­wei­se erst ein­mal als künst­le­ri­sche Gestal­tung wahr­neh­men und nicht als Schrift. Zudem gibt es die in vie­len Kul­tu­ren heu­te fast ver­ges­se­ne Dis­zi­plin der Kal­li­gra­phie als ›Schrift­kunst‹.

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